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„Bei Anruf Mord“: Behäbig, deplatziert, einfach zu brav

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Von: Marcus Hladek

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Christian Buse, Yael Hahn.
Christian Buse, Yael Hahn. Foto: Alvise Predieri © Alvise Predieri

„Bei Anruf Mord“ im Fritz-Rémond-Theater in Frankfurt

Die Theorie ist nicht taufrisch und hat Lücken, aber sie gilt: Als einst die Fotografie aufkam, sah sich die Malerei des Abbildens beraubt und reagierte, indem sie abstrakter, wesenhafter und komplexer wurde. Ähnlich wirkten Film, Fernsehen und jetzt das Streaming auf Theater und Literatur. Ganze narrative Genres entstehen heute primär zum Gucken und Bingen. Krimis leben zwar medial auf, Bühnen aber bringen sie selten und fast nur verkunstet. Weil die Theater alles ästhetisieren, die alten Domänen Dialog und Handlung als Strukturprinzipien aber tendentiell den visuellen Vormächten überlassen, sind Krimis auf Bühnen rar und fallen mal artifiziell, mal behäbig aus.

Lange Rede kurzer Sinn: Stefan Zimmermanns Inszenierung von „Bei Anruf Mord“ wirkt im Fritz-Rémond-Theater im Zoo gleichfalls behäbig bis deplatziert. Regie und Spiel geben die Vorlage zu brav wieder und bringen dieselbe Frage auf, die schon die Malerei umtrieb. Wenn Alfred Hitchcock „Dial M for Murder“ bereits so gekonnt „fotografiert“ hat – wozu das Stück so ungebrochen und dialogfromm erneut auf die Bühne malen?

Vom Engländer Frederick Knott als Bühnenstück verfasst, das die BBC im Fernsehen uraufführte (1952), wurde „Dial M for Murder“ vom Broadway her Grundlage für das Drehbuch, das sich Hitchcock von Knott schneidern ließ (1954). Zur Handlung: Tony Wendice, Ex-Tennischampion (was 1950 hieß: älter und ärmer als heute, mehr lascher Playboy als Athlet), wähnt sich durch eine Beziehung seiner reichen Frau Sheila bedroht und will sie ermorden lassen. Dazu dringt er Captain Lesgate, eine gescheiterte Existenz, der die Tat verpfuscht und zu Tode kommt. Tony manipuliert Spuren und Aussagen so, dass Sheila als Lesgates Mörderin die Hinrichtung droht. Sheilas Freund Max, ein Krimiautor, und Inspector Hubbard greifen ein. Wenn wie zu Schillers und Queen Victorias Zeiten geklaute, vertauschte und verlegte Brief- und Schlüsselrequisiten das Geschehen treiben, wirkte so etwas einst fatal. Heute belächeln wir es als durchschaute Taschenspielertricks.

Kargheit im Gelöck

Falls die Inspizienz es hinbekommt, den Gartenprospekt nachts abzudunkeln, werden Peter Helfrichs gutgemachte konventionelle Bühne (behagliches Holzmobiliar, Kamin, Tennispokale, rosa Tapete, dunkle grün-goldene Musterstoffe) und die stilechten Kostüme aus wechselnder Damengarderobe und allen Graden männlicher Herrenmode das Fotografische perfektioniert haben.

Yael Hahns sensible Sheila auf Grace Kellys Spuren bietet neben Stefan Rehbergs Inspector Hubbard die überzeugendste Darbietung. Rehbergs asketisch-intellektuelle Körperlichkeit und modulationsfähiger Tonfall passen zum Durchdenker von Tatszenarien. Auch Christian Buses verkrachter abgerutschter Offizier Lesgate gelingt als Charakterbild. Wie Michel Guillaume den jovialen Psychopathen Tony gibt, nehmen wir einem ältlichen Tennisprofi mit lichtem Haar gleichsam umso mehr übel. Michael Schillers Max profitiert bei aller Kargheit im Gelöck vom treuen Charakter und der Findigkeit der Figur, was er beides gut vermittelt.

Fritz Rémond Theater Frankfurt : bis 4. Dezember. fritzremond.de

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