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Jutta Lampe in Tschechows „Der Kirschgarten“.

Theater

Beglückendes Wiedersehn

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Die Berliner Schaubühne zeigt Aufzeichnungen berühmter Inszenierungen.

Es hat sich herumgesprochen im enger gewordenen Land, unter denjenigen jedenfalls, die vom Theater ihr Leben haben begleiten lassen: Im Elend der durch die Corona-Not allen aufgezwungenen Einschränkungen gibt es die Fluchtspur in das Erleben noch einer anderen Realität, geschaffen durch die Kunst von Dichtern, Schauspielern, Regisseuren, Bühnen-und Kostümbildnern. Wenngleich nur in elektronischen Aufzeichnungen zu haben, ohne den Betrachter vor seinem Bildschirm umgebendes Publikum, also nicht stattfindend auf einer richtigen, sondern einer filmisch fixierten Bühne, wird diese andere Wirklichkeit nun schon seit vier Wochen, allabendlich von 18.30 Uhr bis Mitternacht, vor Augen gebracht durch Theaterabende von lange anhaltender Wirkung.

Deren ästhetische, künstlerische Qualität kann als kaum überbietbar gelten: Was man zu sehen bekommt, sind nämlich Inszenierungen der Berliner Schaubühne (anfangs am Halleschen Ufer, dann am Lehniner Platz) aus den frühen 70er bis in die 90er Jahre, an jedem Abend eine andere Aufführung, die man innerhalb des Zeitrahmens anzuschauen beginnen kann, wann man möchte. Aufführungen also, produziert von dem Theater, das unter der Leitung von Peter Stein die unbestritten erste Bühne Deutschlands war. Wie dort gearbeitet wurde – das hat den Begriff und die Praxis von Theaterarbeit, man kann sagen: weltweit beeinflusst.

Es ist dem aktuellen Intendanten Thomas Ostermeier zu danken, dass jetzt im Kontext eines „Ersatzspielplans“ anstelle des durch Corona gegenwärtig nicht möglichen Spielbetriebs die wichtigsten der historischen Inszenierungen der Schaubühne, vor allem der Regisseure Stein, Klaus Michael Grüber, Luc Bondy, Andrea Breth, digital einem breiten Publikum zugänglich gemacht worden sind. Für die Jüngeren die Chance, großes Theater zu sehen. Interessant aber auch für diejenigen, die einige der Aufführungen noch selber sehen durften, als sie in Berlin Premiere hatten.

Was ist nun das wirklich Besondere gewesen etwa an Steins Darstellung von „Die Mutter“ Brechts, mit der 1970 alles begann, an seinem für zwei Abende konzipierten „Peer Gynt“ Ibsens im folgenden Jahr, an Gorkis „Sommergästen“ 1974, seiner Auslegung von „Groß und klein“ von Botho Strauß 1978, der dreiteiligen „Orestie“ des Aischylos 1980 und Tschechows „Drei Schwestern“ noch einmal vier Jahre später? Und was war neu und ganz anders, als bis dahin gedacht an Grübers „Bacchen“ des Euripides, an Bondys Erzählung von „Die Zeit und das Zimmer“ und „Schlußchor“ von Strauß, dem einzigen deutschen Drama, das Metaphern gewagt hat für den Prozess der deutschen Wiedervereinigung?

Zu erkennen als für Arbeitsweise und Wirkung der Schaubühne essentielle Momente waren Begabung und Haltung der Regisseure und eines Ensembles, dem die wunderbarsten Schauspieler ihrer Generation angehörten. Jutta Lampe, Edith Clever und die junge Corinna Kirchhoff als die drei Schwestern in Tschechows Schilderung des unvermeidlichen Untergangs einer Gesellschaftsschicht, die verzweifelt außerstande ist, ihrer Existenz eine Perspektive zu entwickeln, Otto Sander im gleichen Stück ein Offizier, der kraftlos aufgibt, Bruno Ganz mit Heinrich Giskes, Michael König, Wolf Redl, Dieter Laser und Werner Rehm als einer der sechs Darsteller des Peer Gynt, später als Kleists Prinz von Homburg und als ausgeschriebener Dichter in Gorkis „Sommergäste“, von enormer und doch kontrollierter Energie Udo Samel als Hauptfigur der „Orestie“, für die Peter Stein mit Erfolg das Wagnis einging, den Chor der Bürger aufzulösen in eine Choreographie von Einzelfiguren – wer diese Schauspieler damals gesehen hat (und jetzt wiedersieht) muss denken: Soviel an Wahrheit der Menschendarstellung kann vielleicht von allen Künsten, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, nur das Theater.

Zu den Voraussetzungen der Erfolge an der Schaubühne gehörten die selbst auferlegt Disziplin der Regisseure im genauesten Umgang mit den Texten der Dramatiker, gestützt durch das hohe Reflexionsniveau der Dramaturgen Dieter Sturm und Botho Strauß, ebenso wesentlich der Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann und die Kostümbildnerinnen Moidele Bickel und Susanne Raschig.

Vor allem aber gehörten dazu Schauspieler, die wissen wollten, worum es ging, in jeweils ihrer Rolle und bei allem, was geplant wurde. Stein hatte die berühmte Therese Giehse für die Titelrolle der Mutter in der ersten Aufführung noch am Halleschen Ufer geholt (wie später für die Rolle der alten Kinderfrau Anfissa in „Drei Schwestern“ Johanna Hofer, die Lebensgefährtin des verstorbenen Fritz Kortner, Steins Sinn für den Zusammenhang von Vergangenheit und Gegenwart) – lange versteht die Mutter nicht, was ihren Sohn, der ein Revolutionär ist, tatsächlich bewegt. Dann aber, Schritt für Schritt, beginnt sie zu verstehen und wird selber eine Revolutionärin. Wie sich im Ausdruck der Giehse dieses Erkennen als Prozess durchsetzte – das sollte für das Ensemble zu einer Metapher werden.

Sieht man jetzt diesen alten filmischen Aufzeichnungen zu, ist zu spüren, dass Theater seitdem in vieler Hinsicht schneller geworden ist. Schneller, aber auch ungenauer. Flüchtiger, nicht nur, wenn es um Klassiker geht. Wie in der Gesellschaft ist auch auf der Bühne der Sinn für Zeit ein anderer geworden. Kann allerdings sein, dass sich das durch Corona abermals verändert.

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