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Lessing, umgekrempelt: Szene aus "Nathan die Weise".
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Lessing, umgekrempelt: Szene aus "Nathan die Weise".

"Radikal jung"

Befreit euch am besten selbst

  • VonK. Erik Franzen
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Das Theaterfestival "Radikal jung" im Münchner Volkstheater zeigt sich in diesem Jahr gut gelaunt und diskurssicher.

N ehmen wir Pinar Karabulut. Die 1987 geborene Regisseurin bewegt sich während des 10-tägigen Festivals „Radikal jung“ im Münchner Volkstheater lässig durch das Haus samt Innenhof. Karabulut sieht sich die Inszenierungen ihrer Kollegen und Kolleginnen an, staunt, freut sich über deren Arbeiten.

Im Gespräch mit ihr wird deutlich, dass sie ihre Situation zu schätzen weiß: Nach dem Studium der Theaterwissenschaften in München folgten von der Kritik und vom Publikum gut angenommene und auch mit Preisen ausgezeichnete Inszenierungen. Das nicht ungewöhnliche Tingeln beginnt, Dresden, Köln, wieder München. Sie sagt, dass sie gerade in der gegenwärtigen, so aufgeheizten politischen Situation entsicherter Gesellschaften in Europa und Übersee ihre „Safety Zone“ brauche, um überhaupt arbeiten zu können. Zu dieser gehören neben ihrem Inszenierungsteam auch die sozialen Räume der jeweiligen Theaterhäuser.

Aus dem Staatsschauspiel Dresden hat sie das Stück „Gott wartet an der Haltestelle“ mitgebracht, einen temporeichen wie auch nachdenklichen Thriller über das palästinensisch-jüdische Verhältnis. Das Stück der israelischen Autorin Maya Arad Asur über ein Selbstmordattentat einer Palästinenserin wird von Karabulut nicht benutzt, um sich auf eine Seite in dem deprimierenden Konflikt zu schlagen. Sie urteilt nicht. Sondern erforscht. Nicht zuletzt ein komplexes Vater-Tochter-Verhältnis, das in dem von gelungenen Szenen- und Rollenwechseln geprägten Spiel viel Aufmerksamkeit erhält.

So wie hier eröffnen auch die meisten anderen eingeladenen Inszenierungen explizit Genderperspektiven. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum die Verantwortlichen des Treffens den Untertitel geändert haben: Aus dem „Festival junger Regisseure“ ist das „Festival für junge Regie“ geworden – dieses Jahr sind sechs der neun Regieverantwortlichen Frauen. Suna Görkler vom Maxim Gorki Theater hat mit ihrem Ensemble nicht-professioneller Spielerinnen „Stören“ entwickelt, ein nachklingendes Stück, das den alltäglichen Sexismus in den Mittelpunkt stellt.

Ebenfalls vom diskursfreudigen Berliner Gorki kommt „The Making-Of“ von Nora Abdel-Maksoud. Fast jeder Satz eine Pointe, getragen von herausragenden Schauspielern. Gekonnt und sehr amüsant werden sowohl die derzeit angesagten Agenden Race, Class, Gender als auch der Kult um das Authentische und das Hierarchische im Theater auf die Spitze getrieben.

Wie bei Abdel-Maksouds Inszenierung, wo manch schnell explodierter Lacher als langsame Spur von Fragezeichen verglimmt, ergeht es den Zuschauern auch in dem Publikumshit „Wenn die Rolle singt oder der vollkommene Angler“: Johanna Louise Witt, Regieassistentin am Thalia Theater in Hamburg, zeigt ihre Inszenierung des bis zum Anschlag aufgedrehten Stücks der beiden Darsteller Thomas Niehaus und Paul Schröder, das in einem mutierten Helge-Schneider-Dittsche-Modus die Geschichte des Angelns von der Antike bis zur Gegenwart des Vereins „ASV Stein Heil Butt“ durchstolpert. Ein Klamauk als Lebend-Köder.

Auf gleichermaßen kluge, wie witzige Weise dekonstruiert Leonie Böhm Lessings Nathan. In „Nathan, die Weise“ wird nicht nur der Geschlechterzuschnitt verändert, indem neben dem Tempelherrn und Nathan dessen Adoptivtochter Recha breitesten Raum einnehmen darf. Es geht vielmehr auch um die Interaktion dreier radikal unterschiedlicher Persönlichkeits-Welten und Theatersprachen im Heute: Aus dem dramatischen, religiös aufgeladenen Lang-Gedicht wird so eine bittersüße, zeitgenössische Studie über die Art und Weise des Verhältnisses von Frauen und Männern, über eine Vater-Tochter-Verstrickung.

Im Fast-Forward-Modus darf man bei „Radikal jung“ Jahr für Jahr dem Prozess des Sich-Ausprobierens junger Regisseure und Regisseurinnen zusehen, dem Experimentieren mit unterschiedlichsten Formen und Ansätzen von Garagen-Kammerspiel bis zu Körper-Theater und Performance. Und fast überall lauert das Motiv der Selbstbefreiung. Belohnt werden hier diejenigen Zuschauer, die nicht nach Regiehandschriften suchen, sondern sich auf die Suche nach dem anderen machen.

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