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Gloria Rehm als Woglinde.
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Gloria Rehm als Woglinde.

„Rheingold“ in Wiesbaden

Die Beduinen vor Walhall

Wiesbadens Ring startet mit einem unverbindlichen, erst auf den letzten Metern entflammenden „Rheingold“.

Bis zu den Maifestspielen 2017 wird der Wiesbadener Ring fertig sein, möglich ist das, weil Regisseur und Staatstheater-Intendant Uwe Eric Laufenberg Richard Wagners Vierteiler bereits für das Landestheater Linz inszeniert hat. Im Winter 2015 war „Götterdämmerung“. Man könnte also schon wissen, wie es ausgeht, aber eigentlich will man das nicht. Nachher vielleicht doch, nach dem Vorabend, der arg lang nicht recht ins Erzählen kommt, aber erst recht nicht ins Deuten.

„Das Rheingold“ also. Zum Es-Dur ist auf dem Vorhang ein Streifen Film zu sehen, waberndes, bald plätscherndes Wasser, eine geschmackvolle Einspielung (Video: Falko Sternberg). Sie wird in Varianten (Himmel, Feuer) noch spätere Bilderpausen füllen, den Weg nach Walhall, nach Nibelheim. Sie ist dann immer noch geschmackvoll, sie ist aber auch schmal. Kleine Bilder, große Musik. Das ändert sich nicht grundsätzlich, als der Vorhang aufgeht.

Im Rhein ist es trocken. Für einen Moment schaut von hinten noch ein bühnengroßes Auge zu, dann bleiben die Sängerinnen auf schlichter gebogener Planke – auf der Alberich herumzuglitschen hat – sich selbst überlassen. Gloria Rehm, Marta Wryk und Silvia Hauer tragen mit Schuppen bemalte Gymnastinnenanzüge (Kostüme: Antje Sternberg) und vertreiben sich die Zeit mit durchsichtigen Bällen. Sie singen sehr schön, vielleicht etwas mehr in Mozart- als in Wagner-Nähe. Unter einer großen weißen Kugel in der Mitte ist das Rheingold verborgen, weht zwischendurch in Flitterschnitzen heraus. Alberich, Thomas de Vries mit klangschönem, aber nicht außer sich geratendem Bariton, schlüpft herein. Auf- und Abgänge werden in Gisbert Jäkels Bildern außergewöhnlich nebenbei erledigt. Es gibt einen Interpretationsansatz, wenn Alberich – weil es in echt eben auch so überhaupt nicht glitschig ist – die Rheintöchter schier an den Rand der Vergewaltigung drängt. Aber schon muss man sich fragen, ob eine solche Deutung zu diesem Zeitpunkt (vor dem ersten Fluch) Hand und Fuß hat. Ja, vielleicht.

Die Götter campieren in einem großen, stilisierten Zelt, hinten ein Plastikvorhang, der das Kommen und Gehen noch prosaischer macht. Sie tragen orientalisierende Kleidung à la Karl May, was ihnen gut steht und inhaltlich vorläufig keine Folgen hat.

Bei Wotan und Fricka, dem solide sonoren Gerd Grochowski und der ein wenig spitzigen Margarete Joswig, lässt sich auch an Bassa Selim und Konstanze denken, schon wieder Mozart, wie seltsam. Die Götter könnten Beduinen sein, bevor sie sich ihr Walhall bauen. Die Götter könnten enteurozentriert sein. Auch das bleibt vorerst unverbindlich. Fafner und Fasolt, Young Doo Park und Albert Pesendorfer, die sich trotz des riesigen Leitmotivs sang- und klanglos in die Handlung mischen, sind eher fernöstlich gekleidet, Loge kommt einem Freibeuter nahe. Thomas Blondelle macht aus ihm optisch und mit scharfem Tenor den Star des Abends. Dass seine Agilität so durchschlägt, hängt allerdings auch mit einer kaum profilierten Personenführung zusammen.

Alberich, zu dem sich Wotan und Loge nun im Off – der Filmstreifen muss es richten – herabschwingen, hat seinen eben noch behaarten Bauch in feinen Zwirn gekleidet und sieht inzwischen aus wie ein ehrenwerter westlicher Geschäftsmann des 19. Jahrhunderts. Bruder Mime ist bei Erik Biegel ein greller Wicht, neben Loge stimmlich und als Type die markanteste, wenngleich ebenfalls traditionell orientierte Figur.

Der an sich unauffällige Tarnkappeneinsatz nebst Verwandlungen auf einer kleinen Leinwand – hier haben andere Zuschauer mehr erhaschen können als die Rezensentin – führen dazu, dass Wotan und Loge Alberich in einem Käfig festsetzen können. Das erneut geraubte Rheingold hat praktischerweise nun in etwa die Form von Damenkleidung in der Größe Freias.

Betsy Horne tritt mit kleiner Kinderschar auf, was am Ende nützlich ist. Das Ende ist voller Leben und kleiner Ideen. Der Plastikvorhang fällt, dahinter sieht man Walhalls riesige historistische Tür. Personal war offenbar schon vor Ort und beginnt jetzt, Kisten, Kästen und Möbel vom Zelt in den neuen Herrschaftssitz zu räumen. Die Kinder bekommen Blumenkörbchen. Alle stellen sich für ein Familienfoto auf. Loge feixt, die Götter strahlen. Eine Prozession wandert durch den Eingang. Loge schließt die Tür und kommt uns noch kurz frech.

Laufenberg erzählt auf einmal eine rasend interessante Geschichte. Warum so spät?

Musikalisch ist der Auftakt gut. Vielleicht ist es auch mehr das etwas spannungslose Dirigat von Alexander Joel, das weniger als derzeit in Wiesbaden gewohnt den Eindruck vermittelt, auf Draht zu sein. Man hört und sieht doch ein bisschen viel Durchschnittsmärchenoper. Ermutigender Applaus des Premierenpublikums für alle Beteiligten.

Staatstheater Wiesbaden: 16., 19., 25. November, 3., 8. Dezember. „Walküre“-Premiere am 15. Januar.

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