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Die Bedürfnisse sind sehr groß

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Von: Christoph Schröder

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Das Publikum lacht streckenweise brüllend, und das nicht ohne Grund: Marc Camolettis „Hier sind Sie richtig“ in der Frankfurter Komödie.

Mit Abkürzungen ist das ja so eine Sache, wie wir nicht erst seit dem Song „MfG – Mit freundlichen Grüßen“ der Fantastischen Vier wissen. Was zum Beispiel ist von den drei Buchstaben „VSF“ zu halten? Es gibt mehrere Möglichkeiten: „Vorbedingung: schöne Füße“. Oder: „Vorzugsweise seriöse Familien“. Oder auch: „Vorliebe: sentimentale Filme“. Es kommt eben ganz auf den Absender an. Oder darauf, wie der Adressat das Ganze versteht. Kurz: auf den Kontext. Und das ist der entscheidende Kniff, der Marc Camolettis 1968 uraufgeührtem Schwank „Hier sind Sie richtig“ zugrunde liegt: Alle reden jeweils über das vermeintlich Selbe, nämlich besagte Anzeige, aber jeder hat andere Hintergrundvoraussetzungen. So entsteht Chaos. Und manchmal auch Komik.

In der Frankfurter Komödie hatte das Stück nun unter der Regie von Udo Schürmer Premiere; ein Verwirrspiel um ein doppeltes Quartett: Da ist eine große, schöne 4-Zimmer-Wohnung in Paris. Die gehört der gealterten Diva Georgette (Christiane Rücker), die an ihrer Salonwand Fotos von sich selbst in jungen Jahren aufgehängt hat, die eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Porträt von Hannelore Kohl aufweisen (Bühne: Tom Grasshof). Georgette hat sich zwei Untermieterinnen in die Wohnung geholt: Die Klavierlehrerein Janine (Mona Perfler), die keine Schüler hat, aber den ganzen Tag mit ihrem Geklimper nervt, und die Malerin Jaqueline (Susanne Eisenkolb). Das vierte Zimmer gehört Berthe, dem Hausmädchen (Birthe Wolter). Jede der vier Frauen hat ein Bedürfnis, jede schaltet eine Anzeige in der Zeitung.

Georgette sucht einen Nachmieter für die Wohnung, weil sie die Mieterinnen rauswerfen und aufs Land ziehen will; Janine sucht Schüler, Jaqueline ein männliches Aktmodell, Berthe einen Mann. „VSF“ ist Voraussetzung bei allen. Das Durcheinander beginnt ab sofort. Permanent klingelt es an der Tür. Und jedes Mal gerät der Neuankömmling an die Falsche. Die Klavierlehrerin hält das Model (Bernd E. Jäger van Boxen) für ihren Schüler. Die Vermieterin glaubt, Berthes Verehrer (Pascal Simon Grote) sei der potentielle neue Mieter. Die Malerin hält den Wohnungsinteressenten (herausragend in seiner ironischen Gelassenheit: Steffen Wilhelm) für das Aktmodell, und auch der neue Klavierschüler (Gabriel Spagna) wird flugs in eine Tunika gesteckt, um als Spartacus zu posieren.

All das ist phasenweise ziemlich albern, gerade in jenen Szenen, in denen Bernd E. Jäger von Boxen als gealterter Kraftprotz seine Rolle gnadenlos überzeichnet. Und das Stück hat, gemessen an seinem Entstehungsjahr, einen erstaunlich verklemmten Humor: Männer in Unterhosen und Unterhemden – welch ein Schock!

Das Publikum lacht streckenweise brüllend, und das wiederum auch nicht ohne Grund. Was Pascal Simon Grote und Christiane Rücker oder Steffen Wilhelm und Susanne Eisenkolb in ihren beiden jeweiligen Duett-Auftritten an Situationskomik erzeugen, ist gekonnt. Am Ende löst sich alles sehr schnell. Jedes Paket landet an der korrekten Adresse. VSF.

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