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In modernen Plastikklappobjekten untergebracht: Joachim Bißmeier als Nagg, Barbara Petritsch als Nell. Im Rollsessel: Nicholas Ofczarek.
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In modernen Plastikklappobjekten untergebracht: Joachim Bißmeier als Nagg, Barbara Petritsch als Nell. Im Rollsessel: Nicholas Ofczarek.

Salzburger Festspiele

Becketts abgrundtiefer Pessimismus

Dieter Dorn gibt sich in Salzburg Mühe, Samuel Becketts „Endspiel“ nicht als schönes Theater zu zeigen, aber es ist dann doch ganz schön.

Angela Merkel ist auch da, wie sich in Salzburg offenbar vorab herumgesprochen hat. Sie ist vom Parkett links aus unheimlich gut zu sehen, die Nachbarin fotografiert mit dem Handy rum, nicht wild, sondern geruhsam händisch zoomend und mit dem Satz der Schnappschussjägerin, der humorlos ausgesprochen bedrohlich klingt: Ich hab’ sie.

Es bleibt auch Zeit, sich in bundesdeutsch-österreichischer Einigkeit das Maul zu zerreißen. Warum habe Merkel nach dem Amoklauf von München so lange geschwiegen? Weil sie ein schlechtes Gewissen gehabt habe. Und allen Grund dazu. Da drüben seien einfach die Gefängnisse geöffnet und Millionen Verbrecher rübergeschickt worden, und die (die Merkel) lasse diese Leute einfach rein. Da könne sie nun schauen, wie sie das der Bevölkerung erklären wolle, in deren (Merkels) Haut wolle man da nicht stecken, da sei die (wieder die Merkel, klar) aber auch selbst schuld da dran. So habe es neulich auch in der FAZ gestanden, na, genau wisse sie das nicht mehr, aber sinngemäß jedenfalls.

Einerseits weckt die geistige Disqualifikation der Elite – ist das Premierenpublikum bei den Salzburger Festspielen noch eine Elite? Wohl schon, wenn man Einkommen, Ausbildung, Teilhabe und gesellschaftlichen Einfluss verrechnet – das Bedürfnis, jetzt sofort ein Stück von Samuel Beckett zu sehen. Andererseits ist Becketts abgrundtiefer Pessimismus so zart, zivil und sogar mitleidsvoll, dass er aus einem anderen Kosmos zu kommen scheint als unserem. Was freilich nicht der Fall ist und nachdenklich machen kann, was Becketts und der zeitgenössischen Nachbarn Sicht auf die Dinge betrifft – Beckett lag „Endspiel“, sein zweites, mitnichten mühelos geschriebenes Stück, besonders nahe, weil es ihm so „unmenschlich“ vorkam.

Im Kasten ist es wie im Stück

Im Landestheater Salzburg, wo Dieter Dorn als erste Schauspielpremiere der diesjährigen Festspiele „Endspiel“ inszeniert, bahnt sich das so an: Aus der Tiefe des Bühnenraums fährt in scharfer Stille – nicht umsonst wird im Programm Becketts Überzeugung abgedruckt, Musik habe im Sprechtheater nichts verloren – ein vorne offener Kasten von Jürgen Rose heran. Sehr langsam und unerwartet nah heran, anscheinend lediglich um Haaresbreite nicht ins Publikum hinein, das schon zu kichern beginnt. Im Kasten ist es wie im Stück. Man sieht die zu hohen Fenster – eine einfache Bockleiter wird hier nicht reichen, aber eine größere ist zur Hand –, das umgedrehte Gemälde, vorne drei Objekte mit Leintüchern bedeckt, darunter nachher: Die Mülltonnen – keine Oscar-Mülltonnen, sondern moderne Plastikklappobjekte –, in denen Nell und Nagg untergebracht sind. Der Sessel, hier: prächtiger Sessel mit Röllchen, auf dem Hamm thront. In klassischer Krümmung steht Clov schon bereit und tut im Folgenden haargenau, was Beckett von ihm verlangt.

Denn natürlich hat „Endspiel“ (1957 uraufgeführt) nicht nur für die Figuren, sondern auch für Theatermacher katastrophische Aspekte. Von vier Personen kommen zwei überhaupt nicht und eine nur von der Stelle, wenn die vierte sie ein Ründchen schiebt. Die vierte wieder kann nicht sitzen und schlecht laufen. Wie in „Warten auf Godot“ und „Glückliche Tage“ erzwingt der Autor einen ikonografisch korrekten Umgang mit seinem Text, der ohne diese Gegebenheiten keinen Sinn hätte, auch keine Bedeutung mehr, denn selbstverständlich bedeutet das etwas, auch wenn Hamm diesen Gedanken irre findet. Eine Folge davon ist, dass auch hier sämtliche Personen, der angewinkelte Clov, Hamm mit der schwarzen Brille auf dem Sessel, Nell und Nagg in ihren Mülltonnen, auch aus dem Zusammenhang gerissen jederzeit zu erkennen sind. Die Schauspieler kommen da nicht raus, müssen frohgemut reproduzieren, was so oder so ähnlich schon gesehen worden sein muss.

In der höchst korrekten, dabei unverdrossen, aber auch unverhohlen routinierten, ein bisschen kraftlosen – aber auch dies gehört praktisch dazu – Lesart des Altmeisters Dorn fällt das gewiss besonders auf, ohne im Besonderen abzufallen. Es gibt ein seltsam genießerisches Element in diesen (am Ende wirklich langen) zweieinviertel Stunden, für das Nicholas Ofczarek als Hamm zuständig ist. Er, der ja augenlos spielen muss, räkelt sich nicht unbehaglich, sperrt den Mund neugierig und maulhaft weit auf, flexibel und abwechslungsreich dabei. Er konterkariert quasi die Zerstörungswünsche, die suizidale Seite des Stücks mit einer unverschämten Vitalität. Theater im Antitheater, was soll man machen als Schauspieler, außer sich einfach nicht darum zu kümmern und sein Bestes zu geben?

Sein Antagonist in der „Handlung“, der Diener (Ziehsohn? Leibhaftige Sohn?) Clov, ist Michael Maertens, ein klassischer unterdrückter Pfiffikus, ziemlich hospitalisiert und eingeschränkt, was unter den gegebenen Umständen nicht verwundert. Seine Schwierigkeiten beim Laufen muss er nicht nur auf der Leiter überwinden, sondern auch beim wiederholten Herabklettern durch eine Falltür am Boden. Das permanente Faststolpern und -fallen, eine virtuose Miniatur, professionell untertrieben dargeboten. Überdeutlich ist er hingegen in seiner rasch entschlossenen Unentschlossenheit, seiner Bereitwilligkeit, Hamm dann doch lieber wieder gleich zu gehorchen. Er tut gar nicht erst so, als würde er ihn hassen oder als wäre er über das normalmenschliche Maß hinaus verzweifelt. Maertens und Ofczarek legen es weiß Gott nicht auf Leben und Tod an, auch wenn sie ständig darüber sprechen.

Angela Merkel schaut aufmerksam hin

Aus den Tonnen lugen Joachim Bißmeier und Barbara Petritsch, die armen alten Eltern Hamms, die doch auch einmal glücklich über den Comer See ruderten – hierbei allerdings in ein fundamentales, stark nachwirkendes Missverständnis verstrickt. Bißmeier kann in ein graues Gucken ein ganzes Leben legen, das ist ungeheuerlich. Insgesamt muss aber die Losung ausgegeben worden sein, nicht zu stark auf brillantes Schauspielertheater zu setzen, alles bleibt züchtig zurückgenommen, respektvoll dem Text und dem Leiden des Menschen gegenüber, dessen Schlaffheit zugleich verspottet und als absolute Tatsache etabliert wird.

Während sich Dorn dem seriös und ohne zusätzliche Komplikationen und auch ohne besondere Wucht hingibt – im Hintergrund geht es um das Ende der Menschheit, immerhin –, schläft die eine Nachbarin ein, die andere wird zappelig und sieht immer häufiger mal aufs Handy (das neue skandalöse Ding im Theater, skrupelloses Handyaufleuchten). Angela Merkel schaut aufmerksam hin, sofern man das beurteilen kann, und die Sicht ist, wie gesagt, optimal.

Am Ende dann doch noch eine Wucht. Das ist sie noch nicht: Maertens-Clov, der jetzt wirklich weg will und dann selbstverständlich doch nicht geht, taucht als Nadelstreifendandy wieder auf. Seine nonchalante und nunmehr recht aufrechte Haltung drosselt die bei Beckett gegebene Wahrscheinlichkeit, dass alles wieder von vorne beginnt. Das ist fast ein kleiner Missgriff. Jetzt aber gleitet der Kasten wieder unheimlich langsam und mucksmäuschenleise nach hinten weg. Das ist auch nicht neu, aber gut.

Man könnte erschauern vor diesen Gefangenen des Theaters und seiner Konventionen und der Welt und ihrer Schrecken, würde nun nicht das Publikum in die noch in Bewegung befindliche Stille hineinapplaudieren, als dürfte diese weder hier noch da vorkommen.

Salzburger Festspiele, Landestheater: 1., 3., 4., 6., 7., 8. August.

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