Staatstheater Wiesbaden

Beckett-Trilogie in Wiesbaden: Komm, wir gehen. Wir können nicht

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Theater zur Stunde: Das Staatstheater Wiesbaden setzt seine Beckett-Trilogie mit „Endspiel“ und „Warten auf Godot“ fort.

Schauspiele von Samuel Beckett passen sich in die Gegenwart atmosphärisch und praktisch ausgezeichnet ein: Hier die unbehaglichen Situationen und Konstellationen, bei denen nicht immer eindeutig wird, ob das Schlimmste vorüber ist oder noch kommt, das Unheimliche und das Unvertraute, das aber auch wieder rasch zur Gewohnheit wird. Dort ein übersichtliches Bühnenpersonal, das nicht gerade übereinander herfällt. Die eine sitzt in einem Erdhügel fest, die anderen stecken in Mülltonnen. Und in „Warten auf Godot“ wurden die aktuellen Abstandsregeln spaßig in die Handlung aufgenommen und machten sich da gut. Es ist eben alles unbegreiflich.

Auf „Glückliche Tage“ vom Donnerstag folgten am Wochenende im Staatstheater Wiesbaden „Endspiel“ und „Warten auf Godot“, eine kleine Beckett-Trilogie im Großen Haus mit bescheidenen Mitteln. Das Projekt, inszeniert von Intendant Uwe Eric Laufenberg, verfehlte seine Wirkung nicht: gegenwärtig vor allem als Spiegel einer bedrängenden und zugleich vereinzelnden Lage, eines familiären Aufeinanderhockens, eines Nicht-Wegkommens, einer ausgedehnten Warterei.

Die Salon-Umgebung von „Glückliche Tage“ wich im „Endspiel“ einer kargen Fläche, auf dem Boden lag Plastikmüll, gewissermaßen auch, weil die Tonnen bereits mit alten Leutchen besetzt waren. Hier handelte es sich um Mietshauscontainer mit dem üblichen Nachteil, sich nicht so einfach öffnen und schließen zu lassen. Für „Godot“ hat Rolf Glittenberg auf schwarzer Bretterinsel ein bandagiertes, aber aus einem Ast kräftig sprießendes Baumobjekt platziert. All dies verlässliche Wiedererkennungseffekte für zu Klassikern gewordene Theaterprovokationen. Dass man sich in Becketts Welt einmal heimisch fühlen, hier quasi wieder Boden unter die Füße bekommen würde, war nicht abzusehen.

Sterne und Unsterne: So entschlossen und reizvoll das Unterfangen, so bitter das Pech, dass der Schauspieler von Clov und Wladimir spät erkrankte, Michael Birnbaum. Dass das „Endspiel“ – aus organisatorischen Gründen nun in die Mitte der Trilogie gerückt – nun der sprödeste Teil war, lag sicher vor allem daran, es ist in der Inszenierung aber auch so angelegt. Christian Klischat dominierte als unfroher, unbarmherziger, auch wie für sich selbst befremdlicher Hamm vom Rollstuhl aus die Szene, Philipp Appel absolvierte den Clov, und als Nell und Nagg steckten Evelyn M. Faber und der alte Kämpe Bernd Ripken die Köpfe aus ihren Tonnen. Die beiden abgewrackten Alten (aber in Abendgarderobe, Kostüme: Marianne Glittenberg), eigentlich eine böse Geschichte, boten ein zärtliches, menschliches und versöhnliches Moment.

„Warten auf Godot“ wäre in der Mitte vielleicht wie eine Art Zwischenspiel gewesen, relativ aktionsreich – man vertritt sich beim Warten sozusagen die Beine – und komödiantisch. Hier sprang nun Laufenberg, der ja Schauspieler ist, selbst als Wladimir ein. Zwischen Textheft und dem verständlicherweise lautstark hereinrufenden Dramaturgen bahnte er sich seinen Weg, sang und tanzte. Das hatte natürlich seine ulkigen Seiten und passte auch zum Hauch von Improvisation und Abenteuer, der über der gesamten Trilogie lag. Zugleich gab es – im Anschluss an Laufenbergs in Ton und Haltung doch recht ähnlichen „Solo-Diskurse“ zur Corona-Situation (auf der Netzseite des Staatstheaters als Video zu erleben) – dem Stück eine Neigung ins Selbstgefällige, das mit Beckett nichts zu tun hat.

Tanzen und straucheln

Bill Weiser war ein besonders empfindlicher, fast kapriziöser Estragon, und sie hatte eine Prise Ironie zur Hand, wenn der Text einmal völlig auseinander flog. Auch Klischat und Atef Vogel als Pozzo und Lucky, beide selbst in der Schlaffheit auf Draht, belebten die Szene enorm. Alle vier waren wirklich gut im Tanzen und Straucheln und Platt-in-der-Gegend-Herumliegen.

Die Aussparung des Kindes wirkte einerseits fatal, andererseits betonte es die ungewohnte Leichtherzigkeit. Godot wird garantiert nicht kommen, die Menschen werden unter sich bleiben.

Staatstheater Wiesbaden, Großes Haus: „Warten auf Godot“ am 12., 18. Juni. „Endspiel“ am 13., 19. Juni. Mit „Glückliche Tage“ am 11., 17. Juni ergibt sich daraus die Beckett-Trilogie. www.staatstheater-wiesbaden.de

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