Regisseur Valentin Schwarz
+
„Der Regisseur ist der Überzeugungstäter, der alles zusammenführt“, sagt Valentin Schwarz.

Wagner-Festspiele in Corona-Zeiten

Bayreuth-Regisseur Valentin Schwarz: „Es lebt und wartet darauf, bespielt zu werden. Ein sehr, sehr schönes Gefühl“

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
    schließen

Valentin Schwarz über seinen Bayreuther „Ring“, der am Montag nicht starten kann.

Valentin Schwarz, 1989 in Altmünster am Traunsee in Oberösterreich geboren, hat Musiktheaterregie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien studiert. Er absolvierte Regieassistenzen unter anderem bei Jossi Wieler und Sergio Morabito sowie bei Kirill Serebrennikov. Im Anschluss an Arbeiten im Hochschulumfeld inszeniert er selbst seit 2012 an Opernbühnen im bisher vorrangig deutschsprachigen Raum. Am Staatstheater Darmstadt zeigte er 2018 Verdis „Maskenball“ und 2019 Puccinis „Turandot“. 2017 gewann er gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Andrea Cozzi den wichtigen Ring Award für ein Konzept zu Donizettis „Don Pasquale“.

Herr Schwarz, wenn man so früh so entschlossen in Richtung Musiktheater geht, ist von starken Eindrücken in sehr jungen Jahren auszugehen. Wie war das bei Ihnen?

Das ist natürlich grundsätzlich mal das Elternhaus. Meine Eltern waren beide Musiker, ich habe früh angefangen Geige zu spielen, und dann kam auch sehr früh die Begegnung mit dem Theater. Mit neun habe ich, tatsächlich als allererste Oper, Richard Wagners „Fliegenden Holländer“ im Theater gesehen. Oper ist ein erlerntes Vergnügen, sie erschließt sich ja oft nicht sofort und ist mit einer Überwältigung und Überforderung verbunden.

Sie wurden schlankweg oft genug mitgenommen.

So kann man es sagen.

Und bei Ihnen hat es offenbar funktioniert. Warum funktioniert es bei so vielen Jugendlichen nicht?

Begeisterungsfähigkeit ist bei den meisten da, das ist dem Menschen mitgegeben. Wichtig ist, wie dann der Erstkontakt verläuft, ohne dass ich da die jüngere Generation pauschal kritisieren will. Und sicher gibt es eine Hürde in vielen Köpfen. Dabei denke ich nicht nur an Jugendliche. Je mehr sich die Theater öffnen, desto einfacher kann diese Hürde überwunden werden. Opernhaus bedeutet nicht allein, dass man jeden Abend um 19.30 Uhr in die Vorstellung geht, obwohl ich hoffe, dass das bald wieder so sein wird. Aber auch dazwischen kann es ein Ort der Begegnung sein. Vielen Museen machen inzwischen Angebote, bei denen man in der Mittagspause schnell in eine Ausstellung huschen kann.

Musik geht eben nicht schnell.

Nein, Musik geht nicht schnell. Und sie verlangt eine hohe Aufmerksamkeit. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich zwinge mich dazu, stundenlang ohne Ablenkung still zu sitzen. Das erzeugt eine Konzentration, die einem sonst völlig abgeht. Und es kostet zwar Überwindung, kann aber schon für sich genommen ein Erlebnis von großer Intensität sein.

Warum musste es bei Ihnen die Regie sein?

Ich war in meiner Jugend auch viel im Sprechtheater. Ich habe die Genauigkeit bei der Textarbeit, das Timing kennengelernt und auch selbst im Schultheater und in Workshops ausprobiert. Das Musiktheater brachte beide Leidenschaften zusammen. Außerdem war ich zu mitteilungsbedürftig, um mich stundenlang im Übezimmer einzusperren, wie es für professionelle Musiker unumgänglich ist. Mit 18 habe ich zudem gleich dieses Studium entdeckt, Musiktheaterregie, das es in Wien gibt, aber sonst ja nicht so häufig in deutschsprachigen Ländern. Dadurch ist der Funke übergesprungen.

Kann man Opern inszenieren, ohne Partituren lesen zu können?

Ich würde es mal so sagen: Das hängt vom Ergebnis ab. Heute ist es fast schon die Ausnahme, dass Opern von ausgebildeten Opernregisseuren inszeniert werden. Ich bin inzwischen geradezu ein Sonderfall, überspitzt gesagt. Aber in vielen Fällen bereichert es auch das Genre.

Aber Sie selbst profitieren vermutlich davon, Noten lesen zu können.

Klar, es ist viel einfacher. Die Zeit, die andere brauchen, sich noch durch die Partitur zu graben, kann ich nutzen. Zumal ich auch die Entstehung und Rezeptionsgeschichte eines Werks als Teil von ihm verstehe. Ich will kein reines Editionstheater. Aber ich kann nicht ignorieren, was vorher war.

Was ist die Aufgabe des Regisseurs?

Der Regisseur ist ein Kommunikator. Am Zustandekommen einer Oper sind unterschiedlichste Menschen und Fachgebiete beteiligt. Der Regisseur ist der Überzeugungstäter, der alles zusammenführt. Es wird viel über Konzepte gesprochen. Ich würde aber sagen, es ist der kleinste Aspekt, dass ich zu Hause im Kämmerlein sitze und mir detaillierte Gedanken über die Umsetzung der vielen Stunden Musik mache ...

Tatsächlich?

Viel interessanter wird es, wenn ich mit diesem Konzept auf die Darsteller zugehe und sehe, wie sich das in den ersten Proben fügt: Meine Vorstellungen und die Realität, die sich dann gemeinsam einstellt. Der Darsteller ist kein Trichter, in den ich mein Konzept gieße, damit er sich schön marionettenhaft von links nach rechts bewegt. Er ist eine Persönlichkeit und man muss vertrauensvoll miteinander arbeiten. Es geht dabei nicht um mangelnde Vorbereitung, sondern um Offenheit. Vielleicht passiert hier etwas, das interessanter und größer ist als das, was ich mir alleine überlegt habe. Gerade in Bayreuth sind die Sängerinnen und Sänger oft schon Jahre bis Jahrzehnte mit einer Rolle vertraut. Diesen Erfahrungsschatz nicht zu bergen, wäre grob fahrlässig.

Dabei ist der lange Vorlauf in Bayreuth berüchtigt, Konzept und Bühnenbild müssen vor Beginn der Proben stehen. Und den für Sie so wichtigen zweiten Schritt konnten Sie gar nicht gehen, weil da schon die Absage der Festspiele kam.

Das Schmerzvolle des Vorgangs ist ersichtlich, den Schmerz teile ich aber mit quasi fast allen Akteuren der Darstellenden Künste weltweit. Das macht es auch wieder erträglicher. Außerdem haben wir ein Stadium erreicht, in dem ich auf gewisse Weise ruhig sein kann. Konzeptuell ist alles klar, bühnentechnisch ist alles klar. Jetzt lagert das Ganze in Bayreuth, es kann herausgeholt und aufgebaut werden. In diesen Tagen war ich mit meinem Bühnenbildner Andrea Cozzi wieder dort und wir haben die verschiedenen Teile vom Bühnenbild angeschaut. Das ist keine tote Materie. Es lebt und wartet darauf, bespielt zu werden. Ein sehr, sehr schönes Gefühl. Und der „Ring“ ist dadurch trotz aller Potenzialität bereits jetzt eine Station in meinem Leben.

Valentin Schwarz und Bayreuth


Die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele wurden durch den Ring Award auf Valentin Schwarz  aufmerksam. Katharina Wagner engagierte ihn für die in diesem Sommer vorgesehene Neuinszenierung von „Der Ring des Nibelungen“. Bei der Bekanntgabe galt das als große Überraschung, weil Fachwelt & Gerüchteküche mit der Regisseurin Tatjana Gürbaca rechneten. Schwarz gibt mit seinem Bayreuth-Debüt zudem zugleich sein Debüt als Wagner-Regisseur. Das Unterfangen stolperte vorerst über die Absage der gesamten Wagner-Festspiele aufgrund der Corona-Situation. Schwarz’ „Ring“ soll nun 2022 zur Aufführung kommen.

Keine Angst, dass Sie es dann in zwei Jahren ganz anders haben wollen?

Danach werde ich jetzt oft gefragt: Musst du das nicht weiterentwickeln, wird Aktuelles, wird Corona dann nicht eine Rolle spielen müssen? Aber das finde ich nicht. Es ist mir auch für das Werk und für den Prozess einer solchen Inszenierung zu klein gedacht.

Was hatten Sie vor Ihrem Engagement für ein Verhältnis zu Bayreuth?

Ich war schon während des Studiums Stipendiat der Wagner-Stipendienstiftung. 2009 habe ich den Tankred-Dorst-„Ring“ dort erlebt, mit Thielemann. Ein verzauberndes Erlebnis, die Atmosphäre im Festspielhaus, der Sog, der sich da entwickelt. Dazu diese Klarheit, diese Entschlossenheit, dass der „Ring“ an diesem Ort einfach innerhalb von ein paar Tagen stattfindet. Auch das Publikum wird dabei zur Schicksalsgemeinschaft. Das macht große Lust, jenseits aller Ehrfurcht. Und natürlich entsteht da der Traum: Da will ich auch hin.

Das ging in Ihrem Fall dann relativ schnell. Gab es ein Zögern Ihrerseits, als Katharina Wagner anfragte?

Ich war schon lange mit dem „Ring“ befasst. Das ist ein Monolith, zu dem sich jeder Opernregisseur eine Position erarbeiten muss. Das ist eine jahrelange, bei vielen eine lebenslange Beschäftigung, die auch bei mir früh eingesetzt hat. Dass das jetzt solche Früchte tragen kann, ist toll für mich.

Sie gelten als Wagner-unerfahren.

Die Annahme, dass man ausgerechnet in Bayreuth eine Erfahrung des „Schon-mal-gemacht-Habens“ bräuchte, halte ich für einen Irrglauben. Der Werkstattcharakter in diesem Ort ist total inhärent. Und Katharina Wagner versucht ja auch, immer wieder Leute zu holen, die neu zu Wagner, neu zur Oper kommen und spannende neue Blicke bieten. Das ist mutig von ihr und es ist sehr erfrischend.

Patrice Chereau, der Regisseur des „Jahrhundertrings“ von 1976, war nur knapp älter als Sie und kam ganz von außen. Ein Vorbild für Sie?

Vorbild will ich nicht sagen. Das ist vierzig Jahre her und ein Teil der Geschichte geworden. Chereau war ein großer Regisseur des 20. Jahrhunderts, daran gibt es nichts zu rütteln. Er hat etwas Großes gezeigt für die damalige Zeit. Das bewundere ich wie so viele andere.

Sind Sie als Regisseur der perfektionistische Typus?

Da zitiere ich gerne Ingmar Bergman, der gesagt hat: Nur wenn man zu hundert Prozent vorbereitet ist, dann kann man sich erlauben zu improvisieren. Ich improvisiere nicht, aber ich würde schon von einer großen Offenheit für einen gemeinsamen Prozess reden. Genauigkeit ist mir wichtig. Aber auf einer Probe ist nicht alles rational, man kann nicht immer sagen: So steht es im Konzept, so muss es sein und so ist es richtig. Es gibt einen intuitiven Moment, in dem man merkt: Jetzt hat man’s. Jeder im Raum spürt es. Im Theater kann auf einmal etwas Unreproduzierbares entstehen. Das macht mir auch eine Scheu, jetzt die ganzen Streams zu gucken. Dafür ist Theater nicht gemacht.

Können Sie einen Ausblick geben, was Sie im Herbst vorhaben? Oder ist durch Corona alles gelähmt?

Es ist wirklich alles in der Schwebe, will ich mal diplomatisch sagen. Klar ist aber, dass ich im nächsten Sommer schon für Vorproben in Bayreuth sein werde.

Eine ungewöhnliche Gelegenheit.

Dass wir den „Ring“ 2021 nicht machen können, liegt ja vor allem daran, dass die Sänger durch ihre anderen Verpflichtungen nicht für die lange Probenzeit verfügbar sind. Das soll jetzt ein bisschen entzerrt werden, die ganze Verschiebung ist von der Disposition her sehr anspruchsvoll.

Wird Corona den Opernbetrieb langfristig verändern?

Es sieht inzwischen so aus, als würden wir bis tief ins nächste Jahr mit Corona in Kontakt bleiben. Und ich erwarte auch nicht den Punkt, an dem einfach alles wie vorher sein wird. Damit müssen wir umgehen. Die Leute werden auf Dauer nicht damit glücklich sein, sich mit 50 anderen einen Liederabend anzuhören. Das ist schön, aber das ist kein Theaterereignis. Wir müssen herausfinden, wie wir nichtdefizitäre Erlebnisse ermöglichen können, eine Kunst, die anders ist, die aber ohne dieses Hätte und Wäre auskommt.

Wir müssen halt aus der Schockstarre raus.

Ja, absolut. Allerdings wurden uns nicht die Stimmbänder durchgeschnitten. Wir können arbeiten, wir haben Lust zu arbeiten und vor Publikum etwas zu machen. Diese Lust müssen wir transportieren, das ist das Wesentliche.

Interview: Judith von Sternburg

Kommentare