Zum Schluss siegt doch noch das Barockkostüm: Das "Ariodante"-Ensemble an der Oper Stuttgart, vorne die unschuldige, übel verleumdete Ginevra.
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Zum Schluss siegt doch noch das Barockkostüm: Das "Ariodante"-Ensemble an der Oper Stuttgart, vorne die unschuldige, übel verleumdete Ginevra.

"Ariodante"

Barock im Ring

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Die Oper als Gauklerspiel. Hat man schon gesehen, denkt man. Aber so bestimmt nicht: In Stuttgart triumphieren Jossi Wieler und ein topfittes Ensemble mit Händels "Ariodante" szenisch und musikalisch auf ganzer Linie.

Das ist nicht das erste Opernduell, das im Ring ausgetragen wird, unvergessen etwa der Boxkampf, in den John Dew einst Lohengrin und Telramund zwecks Gottesurteil schickte (es war dann aber ein Fingerhakeln, auch pfiffig). Eine Wrestling-Szene, in deren Finale der Countertenor auf den Tenor springt, ist hingegen doch etwas Neues. Überhaupt: Wer denkt, alles wäre schon da gewesen und gerade auch die Metaebene der Gaukler, die uns eine Oper aufführen, könnte zu nichts Spektakulärem mehr führen, darf jetzt in Stuttgart über den jüngsten Coup des Intendanten Jossi Wieler und seines Dramaturgen Sergio Morabito staunen.

Georg Friedrich Händels italienischsprachige Oper „Ariodante“, 1735 in London uraufgeführt, erzählt eine herzzerreißende Geschichte aus Ariosts „Rasendem Roland“ – einem Libretto-Füllhorn für Jahrhunderte –, in der das Schlechte um ein Haar siegen würde. Nicht das auch hier eingeplante Gottesgericht bringt die Lösung, sondern es sind die Menschen selbst, die mit- und untereinander zurechtkommen müssen. Sie müssen die Augen weiter aufmachen, als bis zum nächsten Schatten, der sich als Schatten von jemand anderem verkleidet hat. Sie müssen auch mal zuhören, was der andere singt – schwierig bei dieser Arien-Perlenkette –, sie müssen sich vertrauen und verzeihen. Auf diese Weise kann es zu einem sehr schönen Happyend kommen, das eben nicht vom Himmel fällt, sondern sich logisch, wenngleich ein wenig überstürzt aus der Handlung ergibt. Zeigt die quietschfidele, überglückliche Schlussmusik das Hauptopfer der Intrige, die holde, reine Ginevra, in Stuttgart noch auf der Strecke, springen ganz am Ende eh alle lustig herum, jetzt auch im Original-Schäferlyrik-Barockkostüm, wie es der Outdoor-Handlung gut steht. Es war ja nur ein Spiel, ein Spaß, auch ein mächtig gut gemachter Job.

„Einzug der Artisten“ nennen Wieler und Morabito die Bebilderung der Ouvertüre, aber die Sängerinnen und Sänger sind keine Zirkusmitglieder und auch nicht sie selbst, sondern posieren als Teilnehmer einer Wrestling-Show in Satin-Bademänteln mit großen Kapuzen. Dazu markige Gesten, heitere Angebereien (beim Wrestling haut man sich ja nicht im engeren Sinne absichtlich auf die Nase). Ausstatterin Nina von Mechow lässt uns in eine moderne Spielarena schauen, dabei gucken wir praktisch auf und hinter die Bühne zugleich: Der Handlungsbeginn ergibt sich wie von selbst, als sich die ersten Darsteller ihrer Kapuzenmäntel entledigen und in ihre Rolle schlüpfen.

Von Situation zu Situation, von Arie zu Arie wird das virtuos und unvorhersehbar weitergesponnen: Mal gratulieren sich Feinde gegenseitig zur eben vollbrachten Leistung, mal muss sich einer ein bisschen locker machen, mal dauert einem eine Arie dann doch zu lang (nein, Händel bietet hier nicht nur Da-capo-Arien, aber auch davon reichlich). Der sportive Charakter von Operngesang – es wäre ein Quatsch zu behaupten, das eine hätte mit dem anderen nichts zu tun – wird dabei ebenso gewitzt zum Thema gemacht wie der Irrsinn namentlich der barocken Nummernabfolge.

Beim friedfertigen Jux belassen es Wieler und Morabito aber nicht. Zwischendurch bleibt es dem Schurken Polinesso, sinnigerweise gesungen von dem französischen Altus Christophe Dumaux, überlassen, aus Jean-Jacques Rousseaus Kritik am Theaterwesen vorzulesen. „Jede Frau, die sich zur Schau stellt, entehrt sich“, fassen die Übertitel zusammen, so dass nebenbei noch deutlich wird, dass auch ein polemisierender Aufklärer in eigenartige Nähe zu einem bramabarsierenden und pubertierenden Deutschtürken in der Straßenbahn 11 geraten kann.

Während Rousseau den Beruf des Schauspielers ungerecht, aber wohlkalkuliert zusammenfaltet, geraten die Artisten teils in Zorn, teils in Verlegenheit. Das Saallicht geht dann an, eine anrührende Bloßstellung beider Seiten – die Artisten sind verblüfft über die vielen Leute –, des ganzen Systems Theater, das zugleich gerade an diesem Abend seine Wahnsinnszugkraft beweist. Man muss Unterbrechungen der Musik nicht lieben, man kann sie sogar verabscheuen und doch die (kurzen) Stuttgarter Rousseau-Einmischungen in die Liste zutiefst erinnerungswerter Momente aufnehmen.

Raffiniert natürlich: Polinesso als doppelter Spielverderber und Fiesling. Dabei gehört ausgerechnet Dumaux auch innerhalb des phänomenal, des erschütternd guten Ensembles für den Stuttgarter „Ariodante“ noch an die Spitze, ein kraftvoller, überhaupt nicht kehliger Counter der Extraklasse, dazu ein äußerst sportlicher Mensch. Er tut Dinge, die haben Sie einen Opernsänger noch nicht tun sehen, glaube ich.

Auch insgesamt kommt zum szenischen (und konzeptionellen!) der musikalische Triumph: Man hört unter anderem Ana Durlovski als honigsüße Ginevra, Diana Haller als wahrlich furiosen, unermüdlich dahinrasenden Ariodante, Josefin Feiler tiriliert als Hofdame (unverschämte Göre) Dalinda – ein unentscheidbarer, sensationeller Wettstreit unter drei unterschiedlich timbrierten Frauenstimmen. Sebastian Kohlhepp als Ariodantes Bruder gefällt mit seinem anschmiegsamen, agilen Tenor. Giuliano Carella, keineswegs allein auf Barockmusik spezialisiert, bietet zarten Farbenzauber aus dem erhöhten Graben. Jubel und noch mehr Jubel und ein paar ganz arme Buhs für die Regie.

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