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Ein maskierter Schauspieler in ?Die Selbstmord-Schwestern/The Virgin Suicides?. Alexander Heinl/dpa

„Die Selbstmord-Schwestern“ in München

LSD und Bardo Thödröl

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Furios: Susanne Kennedy präpariert den Roman „Die Selbstmord-Schwestern“ von Jeffrey Eugenides an den Münchner Kammerspielen.

Die Schlammfliegenzeit bildet eine Folie für Jeffrey Eugenides’ Roman „Die Selbstmord-Schwestern“. Eine dicke Kruste verwester Insekten überzieht die Oberfläche einer nordamerikanischen Vorstadt in den siebziger Jahren. Überall Tod, mit den Händen zu greifen. „Sie sind tot“: Gemeint sind hier die Millionen Eintagsfliegen, die, kaum erwachsen geworden, die Erde schon wieder verlassen. Gemeint sind auch die fünf unterdrückten Teenager-Töchter der extrem bürgerlich-christlich-prüden Familie Lisbon, die innerhalb eines Jahres Selbstmord begehen.

Eine Steilvorlage für Susanne Kennedy, die mit ihren brutal genauen Inszenierungen gesellschaftlicher Verkrüppelungen in den letzten Jahren für Aufsehen gesorgt hat. Doch keine Fäulnis, kein modriger Geruch durchströmt den Raum, kein dunkler Sensenmann durchkämmt die Aufführung an den Münchner Kammerspielen. Niemand schreibt seine Initialen in die schaumige Fliegenmasse. Im Gegenteil: Alles so schön bunt hier.

Ein Flash von der ersten bis zur letzten Minute die aufregende Bühnenkonstruktion (Lena Newton), eine Mischung aus begehbarem Hochaltar und säkularem Pop-Gedenkschrein in Gelb, Grün, Rot, Blau und Orange. Als Tafeln dienen Video-Screens mit wechselnden Darstellungen. Eingebaut in diesen Wandelraum ist neben kleineren Schreinen mit Pflanzen, Leuchtschläuchen und Coca-Cola-Flaschen eine zentral aufgebahrte weibliche Plastikfigur, wie sie zu anatomischen Zwecken benutzt wird.

In diesem Menschen-Terrarium lösen sich die handelnden Figuren nahezu auf. Sie verschwinden. Verabschieden sich. Hassan Akkouch, Walter Hess, Christian Löber und Damian Rebgetz stecken in grellen, blickdichten Bodystockings, darüber weiße Konfirmanden-Kleidchen. Sie tragen Masken, die mit ihrer Augen-Überbetonung an Mangas erinnern und mit ihrem Ethno-Kitsch-Kopfschmuck an die Tracht von Brautjungfern (großartige Kostüme: Teresa Vergho). Ihre verzerrten, verlangsamten und eingesprochenen Stimmen kommen vom Band, geben Textteile aller Romanprotagonisten wieder.

Die Entpersonalisierung von Rollen, Figuren, ja Schauspielern, wie sie Kennedy auch in diesem Stück zelebriert, hat Methode. Immer wieder tauchen chorische Elemente auf. Seien es die von zwangskollektivierten Synchron-Schwimmerinnen und -Schwimmern an Land, von Mutationen der eh schon tendenziell geschlechtslosen Teletubbies, von abgedrehten queeren Schwarzwaldmädels oder pillenschluckenden Ratiopharm-Fünflingen: Kennedy ist nicht interessiert an einer Nacherzählung des Romans, auf den sie sich fragmentarisch bezieht. Leiden junger Mädchen, Geschlechterkonstruktionen, sie flackern dünn auf in den Filmchen von You-Tube-Schminkerinnen und in der angedeuteten Depressions-Geschichte von Kirsten Dunst, des ehemaligen Kinderfilmstars, der auch in Sofia Coppolas „Virgin Suicides“-Film mitspielte. Viel mehr geht es um uns alle. Um unsere persönliche Erfahrung mit dem Tod.

Gerahmt wird dieser Abend nämlich durch die Weisheiten des tibetanischen Totenbuchs und durch die Weisheiten des Drogen-Gurus Timothy Leary. Unbekleidete Avatare drängen immer wieder auf die Altarflügel, sprechen auf englisch Auszüge aus dem Bardo Thödröl und aus Learys „The Psychedelic Experience“.

Wie schon in früheren Regiearbeiten zielt Kennedy auf das ausgebeutete Innere der Zuschauer. Erneut durchschlägt sie mit ihrem streng komponierten Ritual-Theater den selbst gezüchteten Panzer, der uns umgibt. In der furiosen, ironiefreien Gruppen-Meditation über das Diesseits und das Jenseits und das Leben dazwischen funkelt jedes noch so wacklige Bild, jeder noch so heruntergepitchte Satz: Gibt es ein Gleichgewicht des Schreckens in uns, um uns und um uns herum? Oder vielleicht nur unsere Vorstellung davon?

Die äußeren Schichten des verzwickten Körper-Seele-Systems geschickt durchlöchernd, schleicht sich dieser Abend schmerzhaft ganz nah heran. An unser Bild von uns selbst. Dieses packende Theater-Tutorial topografischer Anatomie kennt am Ende den entscheidenden Hinweis: „Enjoy every second.“ Wo auch immer.

Münchner Kammerspiele:
2., 10., 20. April.
www.muenchner-kammerspiele.de

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