Rosina auf dem Präsentierteller, beachten Sie die Glubschaugen.
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Rosina auf dem Präsentierteller, beachten Sie die Glubschaugen.

Nationaltheater Mannheim

Rosinas Traum und Graus

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Ein grandioser „Barbier von Sevilla“ in Mannheim zum Abschluss des Theatermonats November.

Mit einem ausgezeichneten Trick hilft sich das Nationaltheater Mannheim in einer Phase, die der Oper Improvisation und Schlankheit abverlangt. Das sind zwei Dinge, die im großen und ausgeklügelten Apparat Musiktheaterbetrieb unerwünscht und auch unpassend erscheinen, quasi kontraproduktiv. Die White-Wall-Opern-Reihe, jetzt mit der dritten Premiere nach der „Zauberflöte“ und „Madame Butterfly“, verbindet aber das Opulente mit dem Kargen, indem es Illustrationen auf die weiße Wand zaubert (mit komplexer Videotechnik herstellt). Die Rückkehr des bemalten Prospekts im digitalen Zeitalter.

Ja, es wäre auf längere Sicht ein gefährlicher Weg (eine sparsame Politik, die Oper für eine Freizeitveranstaltung hält, sähe das wohl gerne), aber für den Augenblick bescherte es dem Publikum am Sonntagabend – in der letzten Vorstellung des Monats November – so viel Rossini, wie möglich war. 90 grandiose Minuten „Barbier von Sevilla“ in einer derzeit begehrten Kammerfassung von Gerardo Colella, die Herren des Chores hinter Scheiben auf Logen verteilt, auf der Bühne die weiße Wand, die alsbald mit den fabelhaften Illustrationen von Ernesto Lucas HO übersät ist, animiert von Eric Guémise.

Alles greift ineinander, um die Welten zu verbinden, und wenn es bloß ein amouröses Billett ist, das virtuell vom Balkon kreiselt und unten, flugs unter der Wand durchgeschoben, aufgehoben werden kann. Dazu gibt es Türen in Anna-Sofia Kirschs weißer Wand, oder einen Drehbalkon, der die Zeichnung wie im Pop-up-Bilderbuch kurzerhand ins Dreidimensionale bringt. Und die fidelen Commedia-dell’arte-Kostüme von Charlotte Werkmeister. Und die entsprechende Regie von Maren Schäfer. Das kleine Ensemble hat offenkundig selbst Spaß an den attraktiven Zaubertricks, die das Spiel nämlich nicht überdecken, sondern erleichtern und intensivieren: an den erblühenden Rosen, der aufschreckenden Miezekatze, der enormen Vervielfachung des Figaro. Oder den wachsamen Glubschaugen von Bartolos Leuten – Sung Ha als Basilio, Estelle Kruger als Berta –, die übergroß an der Wand rollen und das komischste aller möglichen Bewachungsszenarien entwerfen, ohne es zu verharmlosen. Ohne es direkt zu verharmlosen. Das Lustige ist zugleich ein surrealer Alb.

Es wird so leicht, fein und bezaubernd exakt gesungen, wie es bei den verkleinerten Orchesterbesetzungen derzeit häufiger zu erleben ist: Ilya Lapich, Jahrgang 1988 und mit perfekt sitzender Tolle (ein naheliegender, aber selten genutzter Spaß), ist ein fulminant beweglicher Bariton, dessen Koloraturen denen des Tenors Juraj Hollý als Almaviva in Nichts nachstehen. Der ist ein borniertes, nicht sehr sympathisches Gräfchen, ein blasierter Macho, wie überhaupt der Konflikt des zweiten Teils, „Die Hochzeit des Figaro“, gewissermaßen schon mitschwingt.

Vor allem Rosina, die hinreißende Shachar Lavi mit dunkelgolden grundierter Stimme, ist am Ende nicht recht zufrieden. Bartosz Urbanowicz, ein Bartolo als patriarchalisches Abziehbild, aber mit Selbstironie – und er singt verführerisch schön –, ist selbstverständlich nicht der Mann ihrer Wahl. Ob sie jedoch mit Lindoro/Almaviva das große Los gezogen hat, scheint sie selbst zu bezweifeln. Sind die Illustrationen insgesamt von einem zarten Sechziger-Jahre-Hauch überzogen, zeigen sich um Rosina herum zuweilen schillernde Farbfantasien, ein Traumreich anderen Kalibers.

Alexander Soddy dirigiert ein Orchester, das auf Draht ist und dem es gelingt, Rossinis Hits nicht wie eine Kaffeehausmusik klingen zu lassen. Eine Fülle ist da, eine Finesse, zweifellos: ein echter Opernabend. Optisch ist dieser „Barbier“ zugleich übrigens das Weihnachtsmärchen, von dem man immer geträumt hat. Tatsächlich wäre im November „Hänsel und Gretel“ an die Reihe gekommen, jetzt verschoben auf Dezember. Dann soll es auch weitere „Barbier“-Termine geben.

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