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Silvia Hauer als variable Rosina im Wiesbadener „Barbier“.

„Barbier von Sevilla“ in Wiesbaden

Vor der Arie kräftig abhusten

  • vonBernhard Uske
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Das Staatstheater Wiesbaden lässt sich mit Verve auf die neue Gattung der Opera corona ein und zeigt einen ansteckend munteren „Barbier von Sevilla“.

Die Verinnerlichung ungewohnter Manieren im Banne von Corona ist schnell fortgeschritten und hat beim Saisonstart des Staatstheaters Wiesbaden mit Gioachino Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ schon zu neuen theatralen Ordnungen geführt. Während man in Frankfurt bei der Wiederaufnahme von Bellinis „I Puritani“ das neue Darstellungsregiment so unauffällig wie möglich der Inszenierung von 2018 einzuverleiben suchte, geht das Staatstheater bei der Rossini-Neuinszenierung in die Offensive und realisiert die gesamte Inszenierung betont im Modus der sanitären Vorgaben.

Der Spott, mit dem ein alter Schwerenöter und aufs Geld seines Mündels scharfer Doktor der Medizin namens Bartolo mittels diverser Maskeraden und rhetorischer sowie musikalischer Schaumschlägerei aufs Kreuz gelegt wird – das hatte einen kecken Aktualitätswert, ohne auch nur einen regielichen Belehrungsversuch unternehmen zu müssen. Das Publikum anzuregen statt zu belehren: Regisseur Tilo Nest nutzte die quirlige und komische Interaktion von jugendlicher Ausgelassenheit und gesetzter Ängstlichkeit mit Kontrollzwang auf spielerische Weise.

Die abstandsgebietende Kargheit des teils bis zum Ende des Hauses aufgerissenen Bühnenraums bot die passende Spielfläche. Mit einfachsten Tuchwänden, Bühnen- sowie Orchestergrabenhydraulik und wenigen Requisiten (Bühne: Gisbert Jäkel) war ein Feld geschaffen für den Maître de Plaisir Figaro, dem weniger die abstandsproblematische Rolle des Friseurs als vielmehr diejenige des Plätze, Kostüme, Beleuchtungen und Vorhangsöffnungen anweisenden Bühnenarbeiters zufiel. Der Requisiteur als Chef – das ließ an Otto Schenks wunderbare Stegreif-Szenen denken.

Der Witz, gegenüber Empfindlichkeiten und Ängstlichkeiten lockerer zu werden durch Distanz: das hatte fast pikante Züge, als zuletzt das Publikum vom figaroischen Pseudo-Dirigenten angeregt wurde, den Refrain mitzusingen. Überhaupt: vor mancher Arie wurde abgehustet, Nies-Attacken flammten auf, und mit italienischen Maskierungen hatte man sowieso seinen Spaß. Die altbackene Arie von Bartolo aus den Zeiten der Opera seria von der „unnützen Vorsicht“ hatte da einen tieferen Sinn bekommen.

Ein Klang wie frisch gereinigt

Gespielt wurde das ganze Werk: gut dreieinhalb Stunden, und es gab eine richtige Pause, wobei aus einem hübschen, italienisch anmutenden Ausschank-Wagen an den Kolonnaden Gebäck und Getränke angeboten wurden. Das war natürlich bescheiden im Vergleich zum instrumentalen und vokalen Genuss im Inneren des Hauses. Aber auch dort herrscht ja gegenwärtig nicht die vertraute Klang-Üppigkeit. Dafür klingt alles viel klarer, wie frisch gereinigt: eine fast solistische, zumindest kammermusikalische Qualität herrschte vor. Die ging nicht zuletzt auf das Konto Konrad Junghänels, der als Spezialist auch für Alte Musik viel Umgang mit kleinerer und dabei feiner Gestaltwerdung hat. Allzu italienisch allerdings klang dieser Rossini nicht.

Das in grandiose Kostüme (Anne Buffetrille und Mirjam Ruschka) gewandete Solisten-Ensemble hatte in Silvia Hauer (Rosina) und Christopher Bolduc (Figaro) seine variabelsten, in Ioan Hotea (Almaviva), Thomas de Vries (Bartolo) sowie Young Doo Park (Basilio) und Michelle Ryan (Berta) seine charakteristischen Stimmen. Ein Abend ansteckender Munterkeit und sicher einer der ersten, an denen die neue Gattung der Opera corona gefeiert wurde.

Staatstheater Wiesbaden: 1., 13., 16., 19., 26. September, 21. Oktober. www.staatstheater-wiesbaden.de

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