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„Wir müssen den Probenbetrieb aufrecht erhalten“, sagt Bruno Heynderickx.
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„Wir müssen den Probenbetrieb aufrecht erhalten“, sagt Bruno Heynderickx.

Hessisches Staatsballett

„Der Tanz ist Meister des Analogen“

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Bruno Heynderickx, Direktor des Hessischen Staatsballetts, über eine auf den Körper angewiesene Kunst in Zeiten der Pandemie und einen Zukunftstraum.

Lieber Herr Heynderickx, was ist im zweiten Lockdown für den Chef eines Tanzensembles das größere Problem: dass Tänzerinnen und Tänzer fit und trainiert bleiben oder dass die Moral aufrechterhalten wird?

Jetzt, an diesem Punkt, ist es die Moral, damit das Ensemble motiviert bleibt. Wir reden ganz viel und ganz oft mit den Tänzerinnen und Tänzern, über ihre Ängste, darüber, wie wir jetzt arbeiten können, wie wir arbeiten sollen. Es ist schwierig, dass die Bundesregierung jetzt keine Entscheidung getroffen hat, was mit den Theatern auf längere Sicht passiert. Es gibt viele praktische Probleme, aber die hatten wir schon im März und wir haben dafür Lösungen gefunden. Angefangen haben wir das Training via Zoom, als alle zu Hause waren. Langsam sind die Tänzer zurückgekommen, dann durften wir im großen Ballettsaal nur fünf, im kleinen drei Leute trainieren lassen. Jetzt sind wir schon routiniert, versuchen Neues, auch, um die Motivation aufrecht zu erhalten. Wir proben mit Tim Plegge (Hauschoreograf des Hessischen Staatsballetts, d. Red.) mittels Zoom, denn er ist zu Hause, da er zur Risikogruppe gehört. Wir machen diesen Test mit „Memento“, seiner neuen Produktion, die im April Uraufführung haben soll. Das ist eine Möglichkeit, damit die Tänzerinnen und Tänzer motiviert bleiben, weil sie etwas Neues machen, in etwas investieren können.

Der Tänzerberuf kann ja sowieso nicht sehr lange ausgeübt werden, jetzt verliert man auch noch so viel Zeit ...

Das ist ganz dramatisch, denn eine Tänzerkarriere dauert 15, maximal 20 Jahre. Aber ich glaube, das Ensemble akzeptiert, dass es zur Zeit nicht auftreten kann. Und es ist meine Verantwortlichkeit, einen Weg zu finden, dass sie fit bleiben, dass man ihnen auch künstlerische Vorschläge macht. So ein Vorschlag war „Startbahn“ (zwei Abende mit kleinen Choreografien der Tänzerinnen und Tänzer, d. Red.), ein Anstoß, damit sie kreativ bleiben.

Werden Sie etwas wie „Startbahn“ wiederholen?

Sicher. Ich glaube, unsere Tänzer müssen kreativ sein können.

Wie soll es in nächster Zeit konkret laufen?

Wir halten an unserer großen Premiere fest, sind natürlich auch offen für andere Formen, aber ich hoffe doch, dass die Theater nicht bis zum April geschlossen bleiben. Wir müssen auch die Abende „Horizonte“ und „Sacre“, die in Darmstadt schon zu sehen waren, in Wiesbaden noch nachziehen. Das alles ist nicht einfach.

Darf gemeinsam geprobt werden, dürfen Tänzerinnen und Tänzer zusammenkommen?

Ja. Anfangs musste jeder Tänzer 36 Quadratmeter Platz haben, sechs Meter Abstand. Mit Hilfe unseres Freundeskreises fanden wir einen Raum mit 500 Quadratmetern, so dass wir den erforderlichen Abstand einhalten konnten, auch die Fenster öffnen konnten. Jetzt werden unsere Tänzerinnen und Tänzer zweimal die Woche getestet, so dass wir normal arbeiten können.

Sie haben beim Hessischen Staatsballett als Kurator für die Gastspiele angefangen. Wie stellt sich Ihnen die internationale Tanzszene dar, gibt es ein reichhaltiges Angebot?

In diesem Moment ist es dramatisch für alle freien Tanzcompagnien, denn sie können vielleicht arbeiten, aber ihre Arbeiten nicht mehr zeigen. Aber in normalen Zeiten: Ja, es gibt viel mehr Produktionen, als wir je präsentieren können.

Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

An dieser Stelle beim Hessischen Staatsballett hat mich gereizt, das Werk von Tim verbinden zu können mit den Stücken freier Choreografen, die mit der Company arbeiten, dazu von außen Vielfältiges zu holen. Unsere Gesellschaft ist divers, oder sollte es sein, und wir bringen die allerunterschiedlichsten Aufführungen, die Französin Nadia Beugré oder Gauthier Dance oder russisches Ballett, das man hier gar nicht mehr sieht. Ich versuche dem Publikum Dinge anzubieten, die es entdecken kann. Und das Publikum folgt uns, es nimmt die Qualität wahr.

Glauben Sie, dass sich die Szene ausdünnen wird, dass viele freie Tanzcompanys, auch oder besonders in anderen Ländern, den Corona-Lockdown nicht überleben werden?

Zur Person:

Bruno Heynderickx, Tänzer, Tanzkurator und seit dieser Spielzeit Direktor des Hessischen Staatsballetts, wurde in Antwerpen beim Stedelijk Instituut voor Ballet ausgebildet. Nach seinem Abschluss 1986 tanzte er unter anderem beim Scapino Ballet, Genfer Ballett und für Rui Horta, wo er auch künstlerischer Assistent war. Von 2008 bis 2014 war er Künstlerischer Direktor der norwegischen Company Carte Blanche und kam dann, zunächst als Kurator, zum Hessischen Staatsballett.

Das Hessische Staatsballett ist eine gemeinsame Gründung des Staatstheaters Darmstadt und des Staatstheaters Wiesbaden. Beide Drei-Sparten-Häuser hatten vor 2014 eigene Tanzensembles, beschlossen aber dann, die Kräfte zu bündeln, auch, um in ein größeres Ensemble (derzeit 27 Tänzerinnen und Tänzer) investieren zu können. Ballettdirektor wurde 2014 Tim Plegge, Heynderickx kam als Kurator. Seit dieser Spielzeit ist der Belgier Direktor, Plegge Hauschoreograf. Vor der Pandemie bespielte das Staatsballett regelmäßig beide Häuser, Premieren fanden im Wechsel statt.

Ich glaube, wenn du ein Künstler bist, bist du ein Künstler und wirst immer einer bleiben. Aber natürlich musst du deine Miete, Versicherung, dein Essen bezahlen. In besseren Zeiten kannst du das dank deiner schöpferischen Arbeit, jetzt musst du einen anderen Weg finden. Glücklicherweise leben wir in einem Land, das eine Menge Geld auch in die Freie Szene steckt. Sie erhält hier viel Hilfe – vielleicht nicht genug, aber in einem Land wie Brasilien oder auch einigen europäischen Ländern gibt es gar keine Hilfe. Ich habe mit einem Kollegen in London gesprochen, er hat mir gesagt, dass 90 Prozent der britischen Ensembles pleite gehen könnten, auch das Royal Ballet, Birmingham Ballet, Scottish Ballet. Das System ist dort anders. Das Sadler’s Wells, ein wichtiges Haus für zeitgenössischen Tanz, musste die Hälfte seiner Leute kündigen. Nur sieben Prozent seines Budgets kommt vom Staat, 93 Prozent muss es anderswo herholen. Es ist dramatisch.

Das Royal Ballet schickt mir derzeit häufig Einladungen, einen Stream zu buchen, für relativ kleines Geld. Haben Sie auch bereits überlegt, das Hessische Staatsballett zu streamen?

Ja, im ersten Lockdown hatten wir eine Reihe mit Trainings und Talks, das machen wir weiter. Aber ich glaube, wir, also der Tanz, sind Meister des Analogen. Wir sind keine Meister des Digitalen. Film ist eine andere Kunstform, wenn ich etwas filmen möchte, muss ich das gleich anders machen.

Der Tanz lebt zweifellos in hohem Maße von der Präsenz der Körper im Raum. Aber in der Not ...

Es gibt großartige Video-Projekte, aber die wurden spezifisch für den Film entwickelt und der filmischen Form angepasst. Aber wir haben dafür gar nicht die Technik, man unterschätzt das. Eines unserer Probleme war, dass wir im Ballettsaal kein Internet hatten, keinen Zugang. Simple, grundlegende Dinge, die geändert werden müssen. Dann musst du in Kameras investieren, brauchst jemanden, der die Kamera bedienen kann, der den Film schneiden kann ... da haben wir noch keine Erfahrung, aber wir bauen das langsam auf. Aber wir müssen ja den Probenbetrieb aufrecht erhalten, denn wenn wir hoffentlich bald wieder spielen dürfen, müssen die Tänzerinnen und Tänzer fit sein.

Sind Sie zuversichtlich, dass sie zum Neustart immer noch oder wieder fit sein werden?

Unsere Tänzerinnen und Tänzer sind unglaublich motiviert, sie wissen, dass ihre Karriere kurz ist. Sie wollen arbeiten. Als sie sich das erste Mal wieder berühren durften, das war so berührend, denn das Erste, was sie machten: sie umarmten sich. Wenn so eine Gruppe wieder zusammenkommt – ich bekomme feuchte Augen, wenn ich mich daran erinnere. Es sind Leute, die sich dauernd berühren, und dann durften sie das nicht. Ich glaube, das ist die andere große Corona-Herausforderung: Dass wir voreinander Angst haben.

Was haben Sie für einen Traum oder Wunsch für die Zeit nach Corona? Möchten Sie noch einen bestimmten Choreografen, eine bestimmte Choreografin holen?

Ich glaube, wir haben schon mit vielen spannenden Choreografen gearbeitet in den letzten Jahren, mit einigen mehr, mit anderen weniger erfolgreich. Ich spreche auch viel mit den Tänzern, was sie wollen, denn das ist auch wichtig. Ohne dass ich Namen nennen möchte: Sie werden in Zukunft wohl einige Namen aus der Vergangenheit wiedertreffen.

Ich habe das Gefühl, dass einige wenige Choreografen überall im Land auftauchen.

Sie haben recht, aber ich bemühe mich immer, Arbeiten zu finden, die noch keiner kennt, neue Leute zu finden.

Gibt es genug Nachwuchs?

Sicherlich. Aber man muss ihn finden. Und dafür bin ich Direktor, dass ich das tue und auch riskiere, dass dann einmal etwas schiefgeht. Aber vielleicht noch ein Traum, Sie haben danach gefragt: Ich hätte gerne, und arbeite daran, ein eigenes Balletthaus. Es ist eine Vision, ich weiß nicht, ob wir es realisieren können, aber wir haben nicht gerade die aufregendsten Trainings- und Probenräume. Zusammen mit dem Freundeskreis versuche ich auszuloten, was möglich ist.

Hat sich die Kooperation zwischen den Staatstheatern in Darmstadt und Wiesbaden also bewährt?

Ja, es ist gut. Ich glaube, die Darmstädter hatten anfangs das Gefühl: Wir haben keine Company mehr. Aber es passt jetzt, wir spielen in Darmstadt oft mehr als in Wiesbaden. Und letzte Spielzeit haben wir über 25 Gastproduktionen eingeladen nach Darmstadt oder Wiesbaden. Dazu kommen unsere eigenen Produktionen – die Menge an Tanz ist sehr groß. Ich glaube also, dass sich dieses Modell bewährt hat. Das muss sich nun weiterentwickeln mit besseren Trainingsmöglichkeiten für die Tänzer, mit einem Treffpunkt, wo es Studios für das Staatsballett gibt und ein Studio für Gäste, so dass man mehr ausprobieren kann, mehr Stimmen zusammenbringen, dass die Künstler sich gegenseitig anregen können.

Interview: Sylvia Staude

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