1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

Balanchine, Robbins, Childs in Wien: Was es zu bewahren gilt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

Der Reiz der Symmetrien und Wiederholungen: Szene aus „Concerto“ von Lucinda Childs.
Der Reiz der Symmetrien und Wiederholungen: Szene aus „Concerto“ von Lucinda Childs. © Ashley Taylor

Ein hinreißender Abend des Wiener Staatsballetts mit Choreografien von Balanchine, Robbins und Lucinda Childs.

Mainz, wo man ihn in guter Erinnerung haben dürfte, ist lange her, inzwischen, seit der Saison 2020/21, ist der gebürtige Schweizer Martin Schläpfer Ballettdirektor an der Wiener Staatsoper, wo er über ein prächtiges Ensemble verfügt. Treu geblieben ist er sich stets darin, die Moderne, darunter natürlich auch eigene Choreografien, mit Klassikern zu mischen – und damit sind nicht in erster Linie die großen alten Handlungsballette gemeint, sondern Werke von George Balanchine, Jerome Robbins, der weit mehr war als der Choreograf der „West Side Story“, bis zu Hans van Manen, bei dem jedes Detail mit Bedacht in den Raum getanzt ist und zum Ausdruck beiträgt.

Aufwendige Rarität

„Liebeslieder“ ist die jüngste Premiere des Wiener Staatsballetts überschrieben. Ein dreiteiliger Abend, der Robbins’ klassische Seite zeigt mit dem schlicht „Other Dances“ überschriebenen Werk, mit den furiosen Wiederholungen und Schichtungen in „Concerto“ von Lucinda Childs, und mit einer aufwendigen Rarität Balanchines, seinem 1960 uraufgeführten Ballett „Liebeslieder Walzer“ zu den beiden Lieder-Zyklen von Johannes Brahms, Liebeslieder. Walzer op. 52 und Neue Liebeslieder op. 65.

Eine Ballsaal-Kulisse verlangte Balanchine für den ersten Teil, darin vier Paare, dann einen Saal ohne Wände, dafür von einem Sternenhimmel umhüllt. Und natürlich soll die Musik nicht vom Band kommen und tut sie in Wien auch nicht.

Balanchine wechselt zwischen Ensembles – in denen die langen Röcke der vier Damen einträchtig wehen, die vier befrackten Herren galante Schritte reihen und die Hand reichen – und immer wieder fein gewebten Duos. Auf jede Nuance kommt es hier an, jedes Neigen des Kopfes, jede Zugewandtheit, neckende, liebevolle oder sehnsüchtige Geste. Dabei ist alles fließende Eleganz, hinreißende Leichtigkeit. Balanchine wollte nicht, dass man seine Choreografie als Bebilderung der Liebeslieder-Texte sieht, und das ist sie auch nicht: Man sieht tatsächlich nur hingebungsvoll Tanzenden zu; dass sie sich möglicherweise mit unterschiedlichen Gefühlen begegnen, schimmert lediglich zart durch.

Ein klein wenig kräftiger ist das in Robbins’ „Other Dances“ (1976) zu Chopin der Fall, einem Stückchen von hellblauer Lichtheit und Leichtfüßigkeit, mit Finesse und Funkeln, dazu einem Schuss Kessheit.

Man muss Schläpfer danken, dass er immer wieder das klassische und neoklassische Tanzerbe pflegt. Doch nicht nur dieses: zum Erbe gehört an diesem Abend auch Lucinda Childs’ 1993 uraufgeführtes „Concerto“ zu Henryk M. Góreckis Concerto für Cembalo und Streicher. Musikalisch und tänzerisch unermüdlich, insistierend. Flinkheit und Präzision ist hier alles in Formationen, die sich stetig wandeln, stetig geradezu hypnotisch wiederholen.

Staatsoper Wien: 24., 28., 31. Januar, 3., 21., 26. Februar. www.wiener-staatsoper.at

Auch interessant

Kommentare