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„Notre Dame“ in Bad Hersfeld: An der großen Glocke

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Von: Judith von Sternburg

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Die Schöne und der Schurke: Cathrine Sophie Dumont (l.) und Richy Müller.
Die Schöne und der Schurke: Cathrine Sophie Dumont (l.) und Richy Müller. © dpa

Der Stiftsruine aufs Mauerwerk geschrieben: Die Bad Hersfelder Festspiele zeigen „Notre Dame“ – mit Richy Müller als Oberschurken.

Dass das Böse zwar siegt, aber nichts davon hat, ist der geringfügige Trost im „Glöckner von Notre-Dame“, dem 1831 erschienenen, vieladaptierten Dauerseller von Victor Hugo. Der Titel „Notre Dame“, der nun für eine Aufführung bei den Bad Hersfelder Festspielen gewählt wurde, ist näher am Original, und auch hier wird versucht, nicht alles auf den buckligen Kirchenmitarbeiter abzustellen, sondern ein munteres Pariser Panorama (im 15. Jahrhundert) aufzufalten. Aber natürlich dreht sich das meiste doch um Quasimodo, Esmeralda, Frollo. Quasimodos Liebe zu der schönen Esmeralda, Esmeraldas Liebe zu dem Nichtsnutz Phöbus, Frollos Zügellosigkeit in allen Dingen, aber vor allem in seiner Besitzgier, die er wiederum für Liebe zu Esmeralda hält.

„Notre Dame“: Eine Ziege ist der Hit, auch in Bad Hersfeld

Ein tödliches Dreieck, und Esmeralda ist chancenlos, obwohl sie die sympathischste Begleitung hat, eine Ziege. Die Ziege ist der Hit, auch in Bad Hersfeld. Die Stiftsruine selbst spielt die Titelrolle in dieser einen großen Neuinszenierung auf der Hauptbühne – wo ansonsten die geglückten Vorjahresinszenierungen wiederaufgenommen werden, das großartige Goethe-Musical (Goethe-Musical, man könnte sich direkt abgeschreckt fühlen, aber weit gefehlt) und „Der Club der toten Dichter“.

Darauf musste sie lange warten, also die Stiftsruine, dass ihr wieder einmal etwas dermaßen aufs Mauerwerk geschrieben ist. Unter der Regie von Intendant Joern Hinkel machen sich die Festspiele das auch zunutze und engagierten das Stuttgarter Animationsstudio Frischvergiftung, das maßgeschneiderte Projektionen mit charakteristischen Notre-Dame-Monsterchen entwickelte. Auch das schaurige Wort, das der Verfasser des Buches in der Kathedrale eingeritzt gefunden haben will, „Verhängnis“, erscheint Griechisch an der Wand. Nach der Pause – die Handlung verlagert sich jetzt ins Innere des Gebäudes, in das Quasimodo die verurteilte Esmeralda ins Kirchenasyl gerettet hat – baumelt eine große Glocke herunter. Aber, ach, das Geläut ist – vielleicht aus Rücksichtnahme? – dann nicht sehr bombastisch und wird zum Symbol für einen sanften Mangel an Dramatik ausgerechnet in der Schlussphase des Dramas.

Es gibt stille Spannung, aber wenn die Stille dann nicht spannend genug ist, denkt man auf einmal darüber nach, wie schwer es ist, ein gewaltiges Theaterszenario gewaltig zu Ende zu bringen. Genau das sind die Gedanken, die man sich vor Ort aber nicht machen sollte, vor Ort sollte man nach Luft schnappen. Die Musik (unter der Leitung von Jörg Gollasch) tut derweil, was sie kann.

„Note Dame“ bei den Bad Hersfelder Festspielen: Im Detail geling vieles

Im Detail gelingt vieles: eine bunte Szenenfolge, bei der die Kostüme von Daniela Selig nicht zu eindeutig festlegen, wann und wo das alles geschieht. Auch die Vermeidung des Z-Worts (das nur ein paar dummen Gänsen aus der besseren Gesellschaft in den Mund gelegt wird) trägt dazu bei, dass unter den Elenden und Beladenen eher eine Dreigroschenoper-Stimmung herrscht. Man sieht gut, wer hat und wer nicht hat, also Geld. Jens Kilian hat Gerüste bauen lassen, die wie Riesenregale aussehen, auf denen Menschen und Dinge fix hin- und weggerollt werden können.

Das wirklich sehr große Ensemble: agil. Robert Nickisch ist der tüchtig schiefgewickelte Glöckner, Cathrine Sophie Dumont die liebliche Esmeralda, Karla Sengteller die hinreißende Ziege (die schönste stumme Rolle, die sich denken lässt). Mathias Schlung ist die ebenfalls integre Erzählerfigur, die sich begreiflicherweise übrigens ihrerseits vor allem in die Ziege verguckt. Oliver Urbanski ist der Mann, der es nicht wert ist (Phöbus). Der Stuttgarter Tatort-Ermittler Richy Müller schließlich muss sich als arger Frollo nicht gerade von seiner subtilsten Seite zeigen, man schaut ihm aber gerne zu, wie er finster über die Bühne huscht.

Bevor das Ende ein wenig versickert, vergeht die Zeit rasch. Trotzdem dauern die Abendvorstellungen bis Mitternacht, eine Herausforderung für brave Bürgerinnen und Bürger, die ja im Stück noch dazu ein bisschen durch den Kakao gezogen werden.

Bad Hersfelder Festspiele in der Stiftsruine: „Notre Dame“ mit Terminen bis zum 27. August. www.bad-hersfelder-festspiele.de

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