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Samuel Finzi mit – so liest man – Kathleen Morgeneyer.

Theater

„Die Ausweitung der Kampfzone“ in Berlin: Alle Kinkerlitzchen

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Michel Houellebecqs Debütroman von 1994 am Deutschen Theater.

Das „fortschreitende Verlöschen zwischenmenschlicher Beziehungen“ wird weithin als traurig empfunden; was hilft es da, dass auf diese Weise auch viele Probleme vermieden werden? Für die Literatur – und um es vorweg zu nehmen: auch für das Theater – ist es jedenfalls kein Gewinn.

Michel Houellebecq benennt das Problem in seinem Debüt „Die Ausweitung der Kampfzone“ selbst: „Die Romanform ist nicht geschaffen, um die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben; man müsste eine plattere Ausdrucksweise erfinden, eine knappere, ödere Form.“ Zumindest ist es schwierig, dramatische Spannung aufzubauen, wenn ein namenloser Informatiker in die französische Provinz reist, um Software-Workshops im Landwirtschaftsministerium zu geben, mit einem Kollegen, der so dringend wie chancenlos eine sexuelle Erfahrung anstrebt.

Der glimmende Zynismus des schlaffen Helden wird leider bald von einer körperlichen Indisponiertheit und einer sich anschließenden Depression erstickt, ein letztes Aufflackern von Handlungsfähigkeit besteht darin, ein Filetmesser zu erwerben, um wenigstens eine Frau zu töten, wenn man sie schon nicht anders haben kann. Das möglicherweise an Büchners Woyzeck („Überall Blut“) gemahnende Messer wird dann aber doch nicht in Gebrauch genommen.

Houellebecq zeigt, dass man auch mit der Ödnis und Plattheit unserer Gegenwart sein Lesepublikum aufregen und unterhalten kann, wenn man sie sprachlich, aphoristisch und anspielungstechnisch aufpoliert sowie mit skandalösen Unkorrektheiten garniert – an das Verdikt der Knappheit hat er sich dann aber nicht gehalten. War „Ausweitung der Kampfzone“ (1994) ein Seufzer auf 160 locker bedruckten Seiten, so schlug sein Folgeroman „Elementarteilchen“ (1998) mit mindestens 200 Seiten mehr zu Buche.

Jetzt wird Houellebecq überall gespielt: In Hamburg machte Falk Richter aus „Serotonin“ (2019) einen Alte-weiße-Männer-Abgesang, demnächst wird Robert Borgmann am Berliner Ensemble „Die Möglichkeit einer Insel“ (2005) ausbreiten, und jetzt wurde in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin der Debütroman dargeboten, inszeniert von Ivan Panteleev mit Samuel Finzi als Frontmann.

Wir wollen seinen Slapstick mit dem Laufband nicht unterschlagen, der hätte vielleicht einfach immer weitergehen müssen: Wie Finzi unter unauffälliger Zuhilfenahme seiner Lesebrille die Lage checkt, das Ding schnell und kenntnisreich mustert, es mit der Haltung eines Mannes besteigt, der Zeit seines Lebens auf Fitnessgeräte verzichten konnte, weil er doch von den Gefahren des Alltags hinreichend gefordert wird, wie er mit der Routine eines Piloten irgendwelche Knöpfe drückt, das Ding versehentlich, zu seiner größten Missbilligung und zunehmend auch körperlichen Überforderung in immer schnellere Bewegung versetzt – doch, das ist ein schönes Bild für einen Mann im besten Alter, der noch immer glaubt, alles im Griff zu haben.

Letztlich ist dies nur das beste Ideechen von ungefähr 160, mit denen die Schauspieler in immer neuen Kostümen und Ausstaffierungen an die Rampe treten, Handlungssplitter, philosophische Exkurse und Assoziationen referieren.

Alle Kinkerlitzchen – von einer turmhohen Frauenpuppe in Pink über ein paar gebratene Lenden hin zum Houellebecq-Pappkopf – waren hoch geeignet, die Ödnis der Grundidee der Das-Leben-ist-sinnlos-Ironie in Grund und Boden zu variieren, bis es wirklich nicht mehr wehtut.

Termine

Deutsches Theater, Kammerspiele: 13., 26. September, 2., 13., 29. Oktober. www.deutschestheater.de

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