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Ausstellung zur Oper: Unmöglich und für die Ewigkeit

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Von: Judith von Sternburg

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Tumult: Joseph Keppler: „Der Opernkrieg“ zwischen der Academy of Music und der Metropolitan Opera, 1883. Foto: Bundeskunsthalle
Tumult: Joseph Keppler: „Der Opernkrieg“ zwischen der Academy of Music und der Metropolitan Opera, 1883. Foto: Bundeskunsthalle © Bundeskunsthalle

Eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn feiert die Oper.

Nur wer die Oper kennt und liebt, kann sich effizient über sie lustig machen. Es ist ein großer Unterschied, ob Otto Schenk Tosca von der Engelsburg auf ein Trampolin springen lässt, so dass sie zu den Schlussakkorden immer wieder in die Höhe über den Rand der Engelsburg geschnipst wird, oder ob Leute in einem RTL-Sketch schrill singen, damit es nach „Oper“ klingt. Nur die Spannung zwischen dem Erhabenen und dem Lächerlichen wird der Oper gerecht. Die Oper ist vieles, albern ist sie nicht.

Sie ist dafür glamourös und ex-aristokratisch, aber jenseits der verteufelten Eintrittspreise spielt auch das eine geringfügige Rolle. Man glaubt es nicht (vor allem Autoren und Autorinnen von Krimidrehbüchern glauben es leider nicht), wie unterschiedlich jene Menschen sind, die ihre Freizeit in den Opernhäusern der Welt verbringen.

Dies ist aber eine Ausstellung, die die Oper ganz aus sich selbst heraus betrachtet. Was zum Beispiel nicht oder nur am Rande einmal vorkommt: die Oper und die Politik (Bayreuth und Hitler, die italienische Oper und der italienische Faschismus), die Oper und die sich verändernde Rezeption (das rückläufige Bürgertum als Säule des Abosystems), die Oper und das sich verändernde Inszenierungsgeschehen (der Teufel oder der Retter, jedenfalls: das Regietheater), vor allem auch: die Oper und neue Opern, nagelneue Opern. Im Gegenteil: Gerne lässt sich die Schau auf stabile Dauerbrenner ein, wie etwa die Wiener „Tosca“, seit 1958 im Programm der Staatsoper und mit ihr das berühmte Kostüm für die Primadonna, das seit Jahrzehnten verschiedensten Sängerinnenkörpern angepasst wird.

Trotzdem oder gerade deshalb treffen Katharina Chrubasik und Alexander Meier-Dörzenbach, die „Die Oper ist tot – Es lebe die Oper!“ in der Bundeskunsthalle in Bonn kuratiert haben, ins Schwarze. Sie inszenieren eine Ausstellung über die Oper an sich, über das opernhafte Wesen. Getreu dem schwungvollen Titel – der fast immer galt, kaum trat die Oper vor 400 Jahren in die Welt, wurde sie bereits bezweifelt, Oscar Bie brachte das 1913 auf die Formel vom „unmöglichen Kunstwerk“ – sagen sie Ja dazu. Zum Bizarren, zur Schönheit, zum Spektakel, zur Illusion, die angesichts des aufwendigen Gesamtgeschehens besonders unperfekt sein mag, aber vielleicht auch darum besonders mitreißend. Das ist keine Schwärmerei – dafür ist es schon viel zu detailliert –, das ist das, worum es geht.

Dass die Schau eindeutige Schwerpunkte auf die Barockoper und die Oper des 19. Jahrhunderts legt, ist logisch. Bis heute sind das die wichtigsten Bezugspunkte. Man kann das traurig finden und die Oper für tot halten, andererseits lebt sie ja. Es ist ein guter Ausstellungstitel.

Eine Ausstellung als Oper: Chrubasik und Meier-Dörzenbach führen das Publikum in ein theaterkatakombenhaftes Labyrinth, mit Gängen, Foyers, Räumen hinter den Kulissen. Ein raffiniertes Hörstationen-System begleitet die flanierenden Menschen und sorgt dafür, dass an passender Stelle (wie von Geisterhand, notfalls per Nummerneingabe) Jessye Norman den „Liebestod“ singt, oder Enrico Caruso „E lucevan le stelle“. Denn natürlich geht es um die größten Opern, dazu die Häuser, die Stars, die Technik, den Markt.

Im Barock war alles bereits auf höchster Blüte und wurde schon übertrieben bis ins Skandalöse hinein. Antonio Cestis Oper „Il Pomo d’oro“, für die zwei Jahre währenden Feiern in Wien zur Hochzeit Leopolds I. mit Margarita Teresa von Spanien komponiert – einen Teil der Komposition steuerte der Monarch selbst bei –, dauerte zehn Stunden und wurde 1668 über zwei Tage aufgeführt. In einem eigens gebauten Theater für 5000 Gäste. 66 Szenen, 48 Partien, 23 Bühnenbilder.

1637 war in Venedig das erste öffentliche Opernhaus eröffnet worden, das Teatro San Cassiano – die Zeit der Eintrittskarten brach an. Nicht zufällig in einer Stadt, in der in den Jahrzehnten darauf elf neueröffnete Opernspielstätten ununterbrochen neue Werke, Sängerinnen und Sänger benötigten. Und in der ein Technikfex namens Giacomo Torelli seine Kenntnisse aus der Segelschifffahrt nutzte, um die Bühnentechnik zu revolutionieren, sie nämlich unsichtbar zu machen. Deutschland zog 1678 mit dem Theater am Gänsemarkt in Hamburg nach. „Die Vernunft muss man zu Hause lassen, wenn man in die Oper geht“, stellte Johann Christoph Gottsched 50 Jahre später fest, und wer wird heute widersprechen wollen.

Zeichnungen und Modelle vermitteln eine Vorstellung, wie Technik und das Kaschieren der Technik Raum forderte und erhielt. Später sieht man das auf den großartigen Fotografien heutiger Opernhäuser: der Kabel- und Schweinwerfersalat hinterm Samt. Prächtige und mächtige Originalkostüme erinnern daran, dass Ausstattung keine Kaufhaus-Karnevalsware ist. Dass Maria Callas’ legendäre Turandot-Krone lädiert im Kostümfundus der Lyric Opera Chicago aufgestöbert wurde, dokumentiert, wie vergänglich die ewige Schönheit wiederum ist.

Der Blick in die USA wie zuvor der Blick zur Mailänder Scala macht deutlich, dass mit der Oper viel Geld zu verdienen war. Intrigen, Zank und Skandale – viele davon so künstlich wie die Affekte und Effekte auf der Bühne – pflastern ihre Wege.

Das 19. Jahrhundert zeigt sich auch in Sachen Oper bei aller Fortschrittlichkeit zugleich als Rückschritt. Lebhaft vermittelt die Ausstellung (und das anregende Begleitbuch), wie fluide Geschlechtergrenzen erst nach 1800 etwas Anrüchiges bekamen – während das Barock, angefangen beim auch aus dem Kino berühmten Kastraten Farinelli, noch einen höchst flexiblen und offenen Umgang mit Frauen in Männerrollen, Männern in Frauenrollen und Männern mit hohen Stimmlagen in allen möglichen Rollen pflegte.

Schon einmal weiter gewesen zu sein, ist aber keine Enttäuschung, sondern eine Ermutigung. Erst recht in diesem Fall, hat sich das Geschehen auf den Bühnen doch bereits wieder glücklich zurück in die Zukunft gedreht.

Bundeskunsthalle, Bonn: bis 5. Februar. Das Begleitbuch (Hatje Cantz) kostet im Museum 39 Euro. www.bundeskunsthalle.de

Neugiernasen: Félix Vallottons Gemälde „Au Francais, 3e balcón“, 1909. Réunion des Musées Métropolitains Rouen Normandie, Foto: C. Lancien, C. Loisel
Neugiernasen: Félix Vallottons Gemälde „Au Francais, 3e balcón“, 1909. Réunion des Musées Métropolitains Rouen Normandie, Foto: C. Lancien, C. Loisel © Beuax Arts

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