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Ausstellung über Heiner Müller und Erich Wonder: Über die Vergänglichkeit

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Von: Ulrich Seidler

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„Hamletmaschine“ im Deutschen Theater, mit Ulrich Mühe als Hamlet, Margarita Broich als Ophelia. Estate Sibylle Bergemann
„Hamletmaschine“ im Deutschen Theater, mit Ulrich Mühe als Hamlet, Margarita Broich als Ophelia. © Estate Sibylle Bergemann

„T/Raumbilder“, eine Ausstellung über das Theaterpaar Heiner Müller und Erich Wonder.

Das Theater ist eine Kunst in der Zeit. Sie stirbt in dem Moment, in dem sich die Legenden zu bilden beginnen: spätestens beim Schlussapplaus. Das Theater leert sich, die Techniker greifen zu den Akkuschraubern, demontieren und verstauen das Bühnenbild. Nach der Dernière kommt das Geraffel in den Schredder, denn es nimmt Platz weg für die neuen Inszenierungen. Übrig bleiben Skizzen, Notizen, Fotos, Videoaufzeichnungen, Kritiken und Erinnerungen, die immer weiter auseinanderdriften. Das Theater festhalten zu wollen, ist so unsinnig, wie die Gegenwart zu stoppen. Aber auch das wäre nötig, um eine Inszenierung in ihrer Zeit zu verstehen. Dem allen kann man nur mit großer Unverdrossenheit und auch lässigem Desinteresse gegenüber der Gegenwart begegnen, wenn man Ausstellungen über Theater macht.

In der Berliner Akademie der Künste (AdK) am Pariser Platz ist jetzt eine Schau über die Zusammenarbeit des sächsischen Weltdramatikers Heiner Müller (1929–1995) mit dem aus dem österreichischen Burgenland stammenden Bühnenbildner Erich Wonder (Jahrgang 1944) zu sehen. Kuratiert hat sie der Regisseur, einstige Müller-Assistent und -Nachfolger auf dessen Leitungsmitgliedsposten im Berliner Ensemble, Stephan Suschke.

Es sind fünf Räume mit festhaltbaren Spuren und Dokumenten von großen Theaterereignissen, zusammengestellt aus Wonders im vergangenen Jahr an die AdK übergebenen Vorlass und dem Heiner-Müller-Archiv. Die beiden haben einander 1977 kennengelernt und vier gemeinsame Arbeiten verwirklicht. Dazu kommen ein paar eigene Projekte Wonders zum Beispiel mit den Einstürzenden Neubauten, bei denen Müller-Texte Verwendung fanden.

Die vier gemeinsamen Arbeiten sind Wegmarken der jüngeren Theatergeschichte und gekennzeichnet von einer autonomen Arbeitsweise, mit der die beiden Künstler einander alle Freiheiten ließen und so in einen Dialog traten: „Der Auftrag“, 1982 in Bochum mit einem Panther, der in einem Laufgitter durch die Zuschauerreihen schlich, und einem Konzertflügel, der durch den Raum pendelte; „Die Lohndrücker“, für die Wonder zum ersten Mal im sozialistischen Ausland arbeitete, 1988 im Deutschen Theater Berlin; zwei Jahre später die „Hamletmaschine“ mit Ulrich Mühe als Dänenprinz – eine Arbeit, die in kreischender Asynchronität die Ereignisse des DDR-Untergangs und seiner Folgen vorwegnahm und ihnen zugleich hinterhereilte.

Und schließlich, zwei Jahre vor dessen Tod, Heiner Müllers Ankunft auf dem Grünen Hügel mit seiner „Tristan und Isolde“-Inszenierung für die Bayreuther Festspiele. Allein die Nennung dieser bedeutenden Arbeiten löst bei Menschen, die dabei waren, Schauer auch der eigenen Bedeutsamkeit aus.

Und dann kommt der Moment, in dem der Nachgeborene vor einer Vitrine mit einer abgegriffenen Aktentasche und einem Klingelwecker steht und zur Kenntnis nimmt, dass es sich um originale Requisiten aus der „Lohndrücker“-Inszenierung handelt. Aha. Oder er beschaut den in den Boden eingelassenen, rekonstruierten Ringofen, den Wonder für dieselbe Inszenierung baute, eine Ausstülpung, unter der es rot leuchtet, und wiegt die Worte Müllers, der diesen Industriebrennofen auf seine prägnante Art in einem Kurzsprungsatz mit Auschwitz und Tschernobyl assoziierte. Naheliegend.

Oder man liefert sich ein Blickduell mit der Kostümplastik von Fortinbras aus der „Hamletmaschine“, gebaut von der Kostümbildnerin Christine Stromberg und dem Maskenbildner Wolfgang Utzt nach einer Idee von Erich Wonder – eine lebensgroße Puppe in mattgoldener Rüstung, mit zwei Mäulern, Maschinengewehr und Patronengurt, einer weiblichen Brust, einem Phallus im aufgeklappten Stahl-Etui und einer aufgerissenen Bauchhöhle, in der sich Staub auf die Eingeweide legt. All das ist seiner ursprünglichen Wirkung und seines Werkzusammenhangs beraubt, mit Informationen versehen worden und steht tot wie eine aufgespießte Schmetterlingssammlung in der mickrigen Gegenwart herum.

Regiebücher mit Anmerkungen aus des Meisters Händen liegen Ehrfurcht suchend in Vitrinen, Kontaktabzüge von Fototagebüchern hängen an der Wand. Ein Raum zeigt großformatige Gemälde von Erich Wonder, mit denen er die „Tristan und Isolde“-Zusammenarbeit reflektiert. Auch sie verlieren ohne diesen lebendigen Bezug die Aura eigenständiger Kunstwerke.

Am härtesten werden Hineinversetzungsversuche mit den Ausschnitten aus Videoaufzeichnungen auf die Probe gestellt, die in einem kleinen Kino in Dauerschleife gezeigt werden. Die Farben sind von den technischen Möglichkeiten jener Zeit hoffnungslos zermatscht, und die in Großaufnahme deklamierenden Elektroschatten der Schauspieler und Schauspielerinnen lassen den Nichtdabeigewesenen ratlos zurück. Wie sollen diese blassen Abbilder mit der Legende mithalten? Dass einem der Schrei von Margarita Broich als Ophelia so schmerzhaft in die Knochen fährt – liegt es daran, dass sie inzwischen ein bisschen brüchiger geworden sind? Oder ist es der Diskant der übersteuerten Aufnahme?

Solche Theaterausstellungen sind eine gehobene kulturelle Praxis, bei der sich die Genossen und Genossinnen vergangener Zeit ihren wohlausgestatteten Platz in der Gegenwart nehmen und den Nachkommenden Gesprächsangebote machen. Dass die Routinen bei der Gestaltung der Ausstellung, aber auch der feierlichen Eröffnungsveranstaltung mit wenig inspirierten Reden und einem von Corinna Harfouch und Hermann Beyer vorgelesenen Zitat-Alphabet einen hohen Pflichtanteil merken lassen, steigert das Gefühl der Selbstgewissheit noch, dieses sehr entspannte Ohne-uns-kann-das-ja-nichts-Werden. Auch das ist erhellend.

Akademie der Künste, Berlin: bis 13.März. www.adk.de

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