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Darf hier ein Engelchen fliegen? Szene aus "Soul Chain".

Tanzmainz

Ausflippende Zirkuspferdchen

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Tanzmainz mit Sharon Eyals ausdrucksvoll herber Choreografie „Soul Chain“ im Kleinen Haus des Staatstheaters.

Es ist schon ein Coup, eine Uraufführung von Sharon Eyal zeigen zu können, der israelischen Choreografin, deren Stil so unverwechselbar wie überwältigend (fürs Publikum) und erschöpfend (für die Tänzer) ist. Staunen machende Präzision und manische Wiederholung verbinden sich mit intensivem Ausdruck. Tief drin scheinen die Gefühle zu brodeln, auch wenn die Darsteller so artig trippeln wie Zirkuspferdchen. Der Mensch ist bei Sharon Eyal ein getriebenes Wesen, obwohl er lange die Form zu wahren versteht und sich meistens fügt. Er ist ein uniformes, dennoch in erhellenden, flirrenden Momenten individuelles Wesen.

Das Staatstheater Mainz, dessen Tanzdirektor Honne Dohrmann, konnte die Israelin für das eigene Ensemble verpflichten, das nach 55 Minuten „Soul Chain“ – so der Titel der Uraufführung im Kleinen Haus – schweißgebadet war. Und vom Publikum (des zweiten Aufführungsabends, aber gewiss auch am ersten) zu Recht bejubelt wurde.

Sharon Eyal drückt ihren Choreografien den charakteristischen Stempel meist mit einer begrenzten, aber emotional tragenden Auswahl von Bewegungen auf. In „Soul Chain“ sind das viele kleine Schrittchen im Zehenstand. Ist es die durchgedrückte Brust oder der vorgewölbte Bauch, manchmal bis hin zum extremen Hohlkreuz. Die Hände sind dabei an die Hüftknochen gelegt, bisweilen, als sollten sie die Eingeweide festhalten. Das Kinn ist hochgereckt, später steht der Mund ein Stück offen. Die Tänzerinnen und Tänzer verziehen keine Miene, aber sie sind allesamt mitgenommen. Eine Gefühlsmacht, eine Seelenkette (Soul Chain) zieht und zerrt an ihnen.

Das zeremonielle, fast maschinenhafte Vorrücken und Paradieren wird also immer wieder durch zuckende, wilde Ausbrüche akzentuiert, durch das Ausflippen einzelner Tänzer, aber auch des ganzen Ensembles. Plötzlich ist es, als könnten sie die Hände nicht mehr so artig bei sich behalten, als strebten diese von selbst in den Raum, an Armen, die schneller schleudern, als man gucken kann.

Finger spreizen sich zu Krallen. Ellbogen fahren aus. Knie beginnen neckisch zu wippen, als wolle man cool sein, ein Discoheld sein, schaffe es aber nicht so richtig. Eine Tänzerin hält über lange Strecken einen Arm oben. Ein Tänzer lässt nur den Kopf auf den Schultern kreisen und kreisen, biegsam wie eine Comicfigur. Der Mensch tritt hier als nichts anderes als ein Primat auf, das aber recht gut dressiert.

Die über weite Strecken treibende, wummernde, insistierende elektronische Musik stammt von Ori Lichtik, der sie bei den Proben im Tanzsaal geschaffen hat, wie man dem Programm entnehmen kann. Die für Eyal ebenfalls typischen schlichten Kostüme – hier hautfarbene Bodies, beige Kniestrümpfe – sind von Rebecca Hytting. Ein wenig Nebel wabert über die Bühne, das Licht (Alon Cohen) schafft zusätzlich eine dichte Atmosphäre. Requisiten brauchen Sharon Eyals Stücke nicht.

Man sieht ihnen einerseits an, dass die Choreografin bei dem großen Ohad Naharin getanzt und einiges gelernt hat: Es ist diese kraftvolle, originelle Körperlichkeit, die keine Handlung vermitteln will, wohl aber Stimmungen und Schattierungen. Andererseits hat sich Sharon Eyal – wie auch ihr Landsmann Hofesh Shechter – sehr selbstbewusst und eigenwillig entwickelt. Sie ist inzwischen eine von den international tätigen Tanzschöpfern, die hoffen lassen, dass diese Kunstform immer frische, mitreißende Blüten hervorzubringen vermag.

Staatstheater Mainz: 8., 12., 15., 17., 20. November, 6., 16. Dezember. www.staatstheater-mainz.com

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