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Szene aus Tina Laniks "Marat/Sade" mit Pauline Fusban, Charlotte Schwab, Nils Strunk (v.l.).

Theater

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Die drei Münchner Auftaktinszenierungen der neuen Spielzeit des Münchner Residenztheaters fordern Haltung ein.

Nils Strunk wendet sich plötzlich direkt ans Publikum. In Tina Laniks Inszenierung von Peter Weiss’ „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“ will er wissen, wer aus dem Publikum im Münchner Residenztheater unlängst an der Demonstration “#ausgehetzt“ teilgenommen hat. Nur wenige Arme gehen im nun erleuchteten Zuschauerraum hoch. „Ein Anfang“, so Strunk alias Marat.

Lanik folgt in ihrer braven Version des Revolutionsdramas konsequent dem 1964 uraufgeführten Stück, das seinen Autor über Nacht berühmt machte. Ganz im Stil des epischen Theaters wird auch 2018 die unheimliche Wand des Authentischen eingerissen. In der zeitlosen, zumeist düsteren Sperrholzromantik der Bühne von Stefan Hageneier entfaltet sich der rhetorische und philosophische Zweikampf zwischen Marat und dem Marquis de Sade, den Charlotte Schwab mit grauem Zottelhaar und aus dem Pullover quellenden Fatsuit-Bauch heiser-gedämpft als innerlich robusten Verlierer zeigt.

Im Zentrum der Bühne steht die mythische Badewanne, in der Marat (im triefenden Lendenschurz eine Mischung aus Jesus und Tarzan) von Charlotte Corday erdolcht wurde. Wer hat nun recht: der (neben Danton und Robespierre) radikale Jakobiner Marat, der die Errungenschaften der Französischen Revolution mit Gewalt verteidigt oder der Schriftsteller de Sade, der nichts weniger als eine Revolution des Individuums will?

Ein Herrenchor in Feinrippunterwäsche und ein Ausrufer (glänzend Michele Cuciuffo) im Totengräberlook mit weißer Unterhose rappen die Revolutionsreime. Aber nichts kratzt hier.

Der nächste Abend, nun im Marstalltheater, ist weniger grell, eher pathetisch. Der kuwaitische Schriftsteller Suleyman Al Bassam legt in dem von ihm verfassten Stück „Ur“ mehrere historische Schnitte an. Ausgehend von den gegenwärtigenKriegszerstörungen alter syrischer Städte befragt er Tontafeln aus vorislamischer Zeit, die vom Untergang der Stadt Ur erzählen.

Ins Zentrum seiner dem Genre des Klagelieds folgenden Version des Mythos schreibt Al Bassam eine neue weibliche Hauptfigur: Die Göttin Nin Gal, Herrscherin von Ur, steht für die Öffnung der Stadt gegenüber Freund und Feind. Sie ersetzt das Militär durch Dichter, verliebt sich in einen Fremden. Das geht nicht gut aus. Die syrische, seit einem Jahr in Deutschland lebende Schauspielerin Lara Ailo spielt diese radikal-selbstbestimmte Figur auf deutsch und arabisch mit Hingabe.

Al Bassam gelingt es, vielfach überschriebene Geschichte als zusammenhängendes Ganzes zu erzählen. Insbesondere seine Rahmung der Gewaltgeschichten durch die Forschungstätigkeiten der Deutschen Orient-Gesellschaft ist inspirierend. Friedrich Delitzsch, deutscher Assyrologe, interpretiert seine archäologischen Funde in Mesopotamien als Beweis für die dort zu findenden Ursprünge des Christentums – was den deutschen Imperialismus munitionieren soll. Schaudern macht insbesondere sein „Beleg“, Jesus sei Arier gewesen.

Allerdings wird dieses Anklagelied etwas bemüht ausbuchstabiert. Kostüme, Lichteffekte, die verschiedenen Schauspielweisen des arabisch-deutschen Ensembles erscheinen meist rührend old-school.

Regisseur Robert Borgmann ist bekannt dafür, dass er Risiken eingeht. Seine Aufführungen sind experimentelle Installationen, ausufernd und verdichtend zugleich. Der dritte Abend des Auftaktwochenendes des Residenztheaters widmet sich – nun im Cuvilléstheater – Heinrich von Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“. In dieser Novelle ist „Verkehrt-herum-Tag“: einem schwarzen Volksaufstand auf Haiti zu Anfang des 19. Jahrhunderts fallen französische Kolonialisten zum Opfer. Borgmann und der für die famose Bühne verantwortliche Rocco Pauker setzen aufs Ganze: 24 mehrere Meter lange, krakenarmartige zu einem Kranz gebündelte Neonröhren werden je nach Farbwechsel und Ausrichtung Haus, Schlachtfeld, Naturphänomen.

Angetrieben durch Borgmanns zuckende, beatlose Elektro-Live-Musik wird ordentlich Verwirrung gestiftet: Wer spielt hier wen, wer ist schwarz, wer weiß, wer Mann oder Frau? Die Spieler agieren gerne im Zuschauerraum, in Kostümen, die bedruckt sind mit Abbildungen von historischen Revolutionären und schwarzen Opfern rassistischer Gewalttaten aus unseren Zeiten. Horst Seehofer (als Konterfei für den schwarzen Anführer Congo Hoango auf einem Helium-Luftballon) darf auch mitmachen.

Das mag man als unentschiedenes, zu viel wollendes Spektakel auffassen oder als wohltuende Infragestellung vermeintlich klarer (Zu-)Ordnungen. Thomas Schmauser fasst in einer langen ruhigen Szene im zweiten Teil der Vorstellung als weiß gewordener Michael Jackson in Epauletten-Jacke den Inhalt des Stücks nochmal zusammen. Vielleicht traut Borgmann seiner eigenen Erzählhaltung nicht.

Ästhetisch blieb bei allen drei Premieren Luft nach oben, die sich durch Feintuning noch verringern mag. Aber Martin Ku?ejs letztes Jahr als Intendant des Residenztheaters beginnt mit einer starken Setzung, einer klaren Haltung: Verhandelt wird mit unterschiedlichen Theatermitteln und -kulturen die gegenwärtige Herausforderung oder Krise von westlichen und nicht-westlichen Gesellschaften im Kampf gegen demokratie- und menschenfeindliche Extremisten. Ein Anfang.

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