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Victor Hugo sagt: "Zum Glück gehört auch ein bisschen Überfluss."

Theater

Aufkläranlage

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Es ist nichts vorbei: Frank Castorf inszeniert Victor Hugos „Les Misérables“ am Berliner Ensemble.

Nachts um 1 Uhr 30, nach siebeneinhalb Stunden, geht dann doch sehr plötzlich das Licht aus im Berliner Ensemble. Für die Schauspieler ein großer Jubelapplaus, in den sich wenige genervte Buhs für den Regisseur mischten. Die erste Berliner Premiere von Frank Castorf nach seinem Ende als Volksbühnenintendant ist geschafft. Der selbsternannte „Auftragskünstler“ zeigte sich den Erwartungen und der eigenen Ankündigung entsprechend nicht ganz botmäßig, sondern überzog die Spieldauer, die der neue BE-Intendant Oliver Reese ihm eingeräumt hatte, um eine Stunde.

Vielleicht hat dann auch einfach jemand den Stecker gezogen. Recht so. Viel eher aber steht zu vermuten, dass Castorf nun einmal bei den Proben und mit seiner Kraft bis zu diesem Punkt gekommen ist, an dem der zunehmend fahrige Abend ganz abbricht. Da es sich so oder so um Willkür handelt, hätte man schon zwei oder auch drei Stunden eher Schluss machen sollen. Das Quantum an verkraftbarem Theaterglück war da längst erreicht.

Es ufert ein welthaltiges Gewimmel an Figuren aus

Castorf hat Victor Hugos Epos „Les Misérables“ (Die Elenden) auf die Bühne gewuchtet – bitte nicht verwechseln mit der glattgeschrumpften Musical-Version. Erzählt wird die Geschichte des Sträflings Jean Valjean, der Brot stahl, gefangen genommen, zum Galeerendienst verurteilt wurde und durch Fluchtversuche seine Strafe auf 19 Jahre verlängerte. Als Ausgestoßener kommt er auf freien Fuß, wird geläutert durch die Güte des Bischofs Myrel, fängt ein neues Leben an, wird durch Fleiß und Geschick zum reichen Fabrikbesitzer und Bürgermeister, versucht die Prostituierte Fantine zu retten, zieht ihre Tochter Cosette auf, rettet deren Geliebten Marius beim Barrikadenkampf im Juni 1832 in Paris – stets verfolgt von dem bis zum Wahn prinzipienfesten Polizisten Javert und gespiegelt von dem Leichenfledderer Thénardier.

Diese Stichworte können den für eine vielstafflige TV-Serie hoch geeigneten Handlungsbogen nur andeuten. Darunter ufert ein welthaltiges Gewimmel an Figuren aus – und an eingebauten moralischen, historischen, soziologischen oder auch abwassertechnischen Lektionen.

Letztere etwa umfasst in dem Buch etwa fünfzig Seiten: ein akribisches Fakten- und Zahlenwerk, aber auch eine grandiose Metapher: die Kloake unter der die Stadt Paris. Die Unmengen von Fäkalien, die Frankreich ungenutzt in den Atlantik entsorgt, seien als Dung ein Viertel des Staatshaushaltes wert gewesen! Es ist die erste Szene und das erste Glück des Abends, wenn Jürgen Holtz diese Metapher in einem zehnminütigen Monolog aufreißt, mit weiser Grandezza sortiert und in aller Klarheit eigentlich schon alles sagt über Elend, Vernunft, Revolution und Utopie.

Eine Mischung aus Selbstzerfleischung und Selbstgerechtigkeit

Natürlich bleibt es nicht bei dieser Konzentration. Castorf springt mal wahllos, dann wieder um Vollständigkeit bemüht durch den Stoff. Und er haut noch Textflächen des kubanischen Schriftstellers Guillermo Cabrera Infante dazwischen, der in „Drei traurige Tiger“ von Rausch, Sex, Sucht und Elend in Kuba erzählt, bevor Fidel Castro an die Macht kam. Französische Revolution und Karibik – 19. und 20. Jahrhundert? Die Verbindung ist Heiner Müllers „Auftrag“, der bei Castorf ohnehin fast immer als Grundakkord auftaucht und den er 1996 schon einmal als BE-Gastregisseur inszenierte. An der verratenen Revolution beißt er sich fest, an den letzten Worten vor der gehassten indifferenten hiesigen Gegenwart. Von ihr stößt er sich in seiner anstrengenden Mischung aus Selbstzerfleischung und Selbstgerechtigkeit immer wieder ab – in die Geschichte, in die Fremde und vor allem ins Spiel.

Das also bleibt uns alles erhalten in der nun beginnenden Post-Volksbühne-Ära Castorfs. Auch der Bühnenbildner Aleksandar Denic kommt mit dem viel kleineren Raum zurecht. Sein verwinkeltes, versifftes Havanna-Paris-Guantanamo-Stadtdesitillat duckt sich im BE unter den nahen Portalstuck und bezieht ihn sogar ein, Platz für Video-Leinwände ist allemal. Die Kostüme von Adriana Braga Peretzki sind wie immer herrlich unpraktisch, bedienen mit sicherem Schwung jedes sexistische Klischee und machen die Spieler schön, groß, besonders.

Die schauspielerischen (Wieder-)Begegnungen zwischen den gastierenden Castorf-Spielern (Valery Tscheplanowa, Thelma Buabeng und Abdoul Kader Traoré) und den neuen Berliner-Ensemble-Mitgliedern, die teilweise (Patrick Güldenberg, Sina Martens) auch schon bei Castorf gespielt haben, sind größtenteils beglückend. Die Wucht von Stefanie Reinsperger, die Dreckfressigkeit von Aljoscha Stadelmann und der Spielzorn von Andreas Döhler springen in die Castorf-Welt, als hätte sie nur auf sie gewartet.

Das gekonnt auf Lacheffekte setzende, gespreizte Verstellungsspiel eines Wolfgang Michael hingegen macht deutlich, wieviel Seele, Wut und Risiko die anderen geben. Es fehlen welche von denen, die Castorf geprägt hat und die Castorf tragen, das stimmt auch. Es wären aber ohnehin zu viele, um gleichzeitig auf eine Bühne zu passen. Sie sammeln sich in lebendigster Unauslöschlichkeit weiter an in Herz und Kopf des Zuschauers.

Berliner Ensemble: 15., 16., 28. 29.
Dezember. www.berliner-ensemble.de

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