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Am Klavier: Christoph Kohlbacher, mit Angelrute: Klara Wördemann.

Tom Stoppard

„Aufbruch“ in Wiesbaden: Die vier Schwestern

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Nicht nur an Tschechow darf gedacht werden, wenn Henriette Hörnigk in Wiesbaden den Auftakt von Tom Stoppards Trilogie „Die Küste Utopias“ in deutschsprachiger Erstaufführung inszeniert.

Tom Stoppards Trilogie „Die Küste Utopias“ ist personalintensiv und hat wagnerische Ausmaße, mit neun Stunden Spielzeit ist zu rechnen. Die ersten knapp drei (mit Pause drei Stunden, zehn Minuten) präsentierte jetzt das Staatstheater Wiesbaden zur Eröffnung einer Schauspielsaison, in der die meisten Theater nach dem Kurzen, Kürzbaren und Pausenlosen Ausschau gehalten haben.

Dass es die deutschsprachige Erstaufführung ist (Übersetzung: Wolf Christian Schröder), erstaunt bei einem 18 Jahre alten Stoppard-Werk, zumal Regisseurin Henriette Hörnigk zu einer leichtfüßigen Lesart findet. Die Sorge vor Textlast und Theorie verliert sich, die Erschöpfung macht sich möglichst spät breit.

Stattdessen braucht Hörnigk nur Sekunden, um uns mit dem Blick in den lustigen, lauten, lebhaften Haushalt Bakunin zu fesseln. Jäher Frohsinn auf der Bühne, wie selten gelingt das, wie schön ist es, den gickelnden Töchtern – Lena Hilsdorf, Klara Wördemann, Maria Wördemann und Lina Habicht –, dem gemütlichen Gutsbesitzerehepaar – Uwe Kraus und Christina Tzatzaraki – und dem ungebärdigen Sohn Michael, Paul Simon, dabei zuzusehen. Das sind Typen, aber sie überziehen die Textmassen mit der Glaubwürdigkeit des Eigensinns. Stoppard hat sich eine treffliche Konstruktion ausgedacht, das stimmt, aber in Wiesbaden füllt sie sich mit flirrendem Leben.

Historische Figuren

Die Konstruktion: Stoppard interessiert sich für die vorrevolutionäre Stimmung im Russland der 1830er, 1840er Jahre. Er schickt zahlreiche historische Figuren auf die Bühne – neben Bakunin und seiner Familie haben etwa Alexander Herzen und der junge Ivan Turgenjew Auftritte – oder der Philosoph und Literaturkritiker Wissarion Belinskij, der im Text Stoppards und in der hinreißend verschrullten Darstellung von Christoph Kohlbacher vermutlich doch als noch größerer Tropf erscheint, als er es tatsächlich war.

Die Figuren dürfen sich ausführlich zitieren, Hörnigk hat auch nichts dagegen, dass das manchmal etwas papieren klingt. Man wird regelrecht informiert über den philosophischen Stand der Dinge – von Kant wogt es zu Fichte, zu Hegel, zu Schelling. Theorie ist dabei von Praxis, Begeisterungsfähigkeit von Lächerlichkeit nicht zu trennen. Und nicht zufällig liest man Deutsch, Französisch, Englisch. Fundamental ist die Verunsicherung angesichts der Modernisierung Europas, von der sich das liberale Russland abgeschnitten fühlt.

Zum dramatischen Selbstwertproblem – eingearbeitet in Tiraden, aber auch Späße rund um das Thema Fremdsprachen (und hochinteressant natürlich bis heute und mit Blick auf aktuelle nationalistische Strategien) – gesellt sich das wachsende Befremden über das System der Leibeigenschaft. Stoppard schaut auf die konkrete Geschichte, aber Bezüge zum Heute drängen sich ihm und uns auf, wenn Bakunin sein Leben als kecker Revoluzzer auf seiner weichgebetteten Herkunft aufbauen kann (trotz des steten Ärgers mit Uwe Kraus). Hingegen ließ sich ein so enormer Satz wie „Ich war in Paris, als die Bastille gestürmt wurde“ eben nur von einer bestimmten Generation aussprechen.

Mehr noch als Stoppard setzt Hörnigk auf eine „russische“ Atmosphäre, eigentlich befindet man sich die ganze Zeit über in einem Stück von Tschechow, das manchmal zu einem etwas direkteren Stück von Gorki wird. Das Schicksal der vier Schwestern interessiert dabei, aber auch das der jungen Schlucker, Schwadroneure und Enthusiasten. Claudia Charlotte Burchards Kostüme kommen wirklich wie direkt aus einem Tschechow-Stück, Gisbert Jäkel (in dieser ersten Woche Wiesbadens Generalbühnenbildner) spielt mit symbolischen Räumen und klassischen Requisiten. Der Moskauer Zoo wurde mit exquisiten Tierdarstellungen ausgestattet, die Welt ist immer auch eine Traumwelt. Bernd Bradlers Musik befeuert die melancholische Seite. Ein Schostakowitsch-Walzer fehlt ebenso wenig wie der Hinweis auf Walter Benjamins Engel der Geschichte. Hörnigk holt ins Allgemeine aus, aber dann geht sie in die Einzelheiten.

Meisterliche Bauart

Als Meister des Stückebaus zeigt sich Stoppard im zweiten Teil des ersten Abends, wenn nach den Szenen auf dem Bakunin-Gut die dazwischen liegenden Situationen in Moskau folgen. Details der gar nicht so uninteressanten Handlung klären sich auf. Ausgerechnet ein Taschenmesser macht in zündeliger Zeit seine Runde durch die Szenen, geht verloren, wird Liebespfand, taucht unerwartet wieder auf.

Die beiden anderen Teile, „Schiffbruch“ und „Bergung“, sind jetzt für die „kommenden Spielzeiten“ angekündigt.

Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus: 16., 17., 19., 30. September. www.staatstheater-wiesbaden.de

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