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„Auf Wache“: Sie waren doch billig

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Von: Judith von Sternburg

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Wasja sagt an, Eddie hört zu. Foto: Isabel Machado
Wasja sagt an, Eddie hört zu. © Isabel Machado

Dirk Laucke stimmt in Kassel auf die Spargelernte ein. Von Judith von Sternburg

Aus hessischer Sicht schwingt im Titel „Auf Wache“ klanglich das Verb aufwachen mit, und man darf sich davon angeschrien fühlen, obwohl Dirk Laucke nicht schreit. Sein neues Stück ist als Appell zu verstehen, als scharfe Sozialkritik, als deutlicher Vorwurf gegen eine Gesellschaft, die anscheinend nicht einmal Zeitung liest. Oder sie liest Zeitung, zieht aber keine Schlüsse daraus. Wie immer es ist, es ist nicht gut. Es ist auch nicht neu. Laucke hat sich aber, erneut, dahintergeklemmt.

In „Auf Wache“ kommt einiges zusammen, es gibt Abschweifungen, es gibt einen roten Faden. Der rote Faden ist, dass die prekär Beschäftigten gegeneinander ausgespielt werden und am Ende nicht auf der Gewinnerseite stehen.

Auf der Kasseler Studiobühne Tif inszeniert Lars-Ole Walburg, der sich auf das Spielerisch-Gewitzte von Lauckes Dialogen einlässt, der dem Trio auf der Bühne Raum gibt, im Typischen doch ganz eigensinnig zu sein, und der den etwas kompliziert erzählten Handlungsverlauf beschwingt darlegt. Das lustige Silhouetten-Vorspiel erinnert daran, dass wir von Steinzeitmenschen abstammen (Kostüme: Walburg und Ama Tomberli). Während wir noch dumm rumkichern, weil Lisa Natalie Arnold, Annalena Haering und Hagen Oechel wie im Animationsfilm gickeln, gackeln, hüpfen, tanzen, schält sich die Geschichte heraus. Aus Arnold wird die lebhafte, sympathische Nachwuchs-Securityfrau Eddie, aus Oechel, einem fabelhaft losgelassenen Darsteller, der erfahrene Securitymann Wasja Meyer. Beide haben viele Jobs hinter sich. Großkantine, Lager, Putzen (Wasja: Verputzen oder Putzen-Putzen?, Eddie: Putzen-Putzen), Eisverkaufen im Zoo, Campingplatz. Die in friedlichem Einverständnis vorgetragene Liste bringt Eddie und Wasja einander näher. Ist es übertrieben, dass sich Wasja auch noch als Prepper erweist? Ist es, aber im Leben und auf Wache kommt viel zusammen.

Arm und reingelegt

Wasjas und Eddies Arbeit besteht vornehmlich darin, nicht von dem schaukelnden Rahmen auf Walburgs ansonsten spartanischer Bühne zu fallen (natürlich erkennt diese Woche jeder den Monobloc-Stuhl, der gerade ins Kino gekommen ist). Früh fällt ein Schuss, die Klammer der Geschichte, die also in Rückblende erzählt ist. Zuständig sind die beiden für eine Containersiedlung, in der rumänische Saisonbeschäftigte für die Spargelernte (Wasja: Spargelpflücker) untergebracht sind. Untergebracht waren, wie sich zeigt, denn der Spargel-Prinz braucht sie nicht mehr, hat sie aber auch nicht bezahlt, sondern rausgeschmissen. Die Security soll ihre Rückkehr verhindern.

Mehrere weitere Rückblenden zeigen: Die rumänische Gruppe hat sich daraufhin auf den Campingplatz zurückgezogen, auf dem Eddie gearbeitet hat. Sie lernt eine der Frauen kennen, Vivien, Haering, und die beiden solidarisieren sich. Wasja, nachdem er auf die eindringende Vivien geschossen hat (aber daneben), wird sich ihnen anschließen, aber: Der Spargel-Prinz hat inzwischen Insolvenz angemeldet. Sie werden alle drei leer ausgehen. Vivien: „Wir waren doch schon billig. Wir haben doch gearbeitet.“ Der Spargel-Prinz weiß sich zu retten. Wasja haut ihm bei Gelegenheit einen in die Fresse. Nicht dass das etwas nutzen würde.

Das Harte wird aber locker erzählt. Mit Lindenstraßen-Musik, wenn die Frauen sich auf dem Campingplatz kennenlernen. Im Rückwärtslauf, wenn es zur nächsten Rückblende geht. Haering ist zunächst auch die stille Requisitenanreicherin, damit gewissermaßen auch Fadenzieherin. Außerdem singt sie melancholisch. Ein kurzer Abend für viele Gefühle und Ideen.

Dass das Theater selbst gegenwärtig in Inzidenz-Bedrängnis ist (und ohnehin immer ein prekärer Ort), beflügelt womöglich das Leidenschaftliche dieser Produktion. Auch ist es nicht mehr weit bis zur Spargelernte.

Staatstheater Kassel, Tif: 3., 13., 26. Februar. www.staatstheater-kassel.de

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