Theater

Auch er hat sich angesteckt!

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Kleists „Robert Guiskard“ mit Wolfram Koch und Peter Michalzik im Schauspiel Frankfurt.

Während nebenan in der Oper und in den Theatern umher zum Teil schon einiges los ist, eröffnete am Samstag auch das Schauspiel Frankfurt die letzte Phase dieser völlig verrückten Saison mit einem entsprechend verrückten kleinen Abend. Geplant sind lediglich einige Angebote in den Kammerspielen, die mit 25 Zuschauerinnen und Zuschauern besetzt werden dürfen, den Anfang machte eine szenische Lesung mit dem Schauspieler Wolfram Koch und dem Kleist-Biografen Peter Michalzik aus dem Stücke-Fragment „Robert Guiskard“. 75 Minuten, knapp.

Auch das: ein verrücktes Teil. Heinrich von Kleist stürzte sich in die Arbeit, die aber kurzum nicht gelingen wollte. Was blieb, sind einige Aufzüge, denen es freilich an Zug und auch Aktualität nicht mangelt. Guiskard, Anführer der Normannen, hat sein Heer von Italien bis vor Byzanz geführt. Hier wütet die Pest! Dass sich Guiskard selbst angesteckt hat, versucht er zu verbergen, zu katastrophal wäre die Nachricht für die gestressten Mannen. Schon das Gerücht sorgt für Panik. Auch ist Guiskard ein tüchtiger Verdränger. Das Fragment, in dem an seinem nahen Tod kein Zweifel bleibt, aber er leugnet und seine Leute glauben ihm gern, schließt mit der dringenden Bitte eines wackeren Wortführers, das Heer zurück nach Italien zu führen. Ja, die Angst vor Krankheit, Tod und Chaos hat den Wunsch nach einer raschen Heimreise zur Folge.

Koch und Michalzik setzen wirklich alles auf Anfang. Die Bühne zuerst stockdunkel, das Gerumpel und Gegickel aus dem Off gehört schon dazu. Mit ihren Handylampen bahnen sich die beiden ihren Weg zum Tisch, wo die Stühle zeitgemäß weit auseinander gestellt werden und ein Leuchtglobus für mehr Licht sorgt. Schließlich müssen sie lesen können, Michalzik hat außerdem einen Apfel und etwas zu trinken mitgebracht. Wer weiß.

Dann wispern sich die beiden allmählich ins Stück hinein, bis sie immer weniger wispern und die Konstellation sich ausfaltet und der Schauspieler Koch sich ausfaltet und am Ende noch die Schauspielerin Melanie Straub als eine Art Überraschungsgast die Bühne betritt.

Ein vielschichtiges Unterfangen

Ein vielschichtiges Unterfangen. Der Re-Start des Betriebs wird durch einen Beginn bei Null zelebriert, Koch klopft sogar auf die Bretter, die die Welt bedeuten, und stellt fest, dass das alles echt ist. Zweifellos, die reellste Illusion, die sich denken und machen lässt. Schon ruft jemand „lauter“, es gibt Dinge, auf die man sich im Theater verlassen kann.

Sehr laut wird es nicht, aber laut genug schon. Während Koch und Michalzik allmählich den Text nicht nur vorlesen, sondern in Leben verwandeln, auch mal aufstehen, die Plätze wechseln, das Tempo anziehen, wird natürlich auch immer offensichtlicher, dass einer von den beiden ein noch dazu virtuoser Schauspieler ist, der andere nicht. Eine kuriose Entscheidung, könnte man meinen – zumal es an unterbeschäftigten Darstellern keinen Mangel haben kann –, aber bei aller Improvisiertheit hat auch sie Reiz und Wirkung. Nicht nur, weil die Kunst des Schauspielens auf diese Weise so großartig ausgestellt wird: Der eine kann sich, wenn er es will und soll, mit einer Handbewegung in eine ganz bestimmte Person verwandeln (und braucht kein Kostüm dafür), der andere kann es nicht, kann diese Verwandlung bloß zart andeuten, markieren. Es ist außerdem, als wäre der Dramaturg oder der Regisseur oder auch nur der Leser mit auf der Bühne. Im Theater werden Rollen gespielt, aber zugleich wird darüber nachgedacht, wird alles auch von außen gesehen – und der lange als Theaterkritiker tätige Autor Michalzik sieht es und sich selbstverständlich auch von außen.

Zwischendurch klingt an, dass die beiden zeitgemäß allein probiert haben. Also mussten sie sich selbst genug sein und liefern nun das komplette Paket Theater – lesen, spielen, denken – ab.

Diesmal hatten aber 25 das Glück, zuschauen zu dürfen. Es wurde lange geklatscht, schade, dass es keine Wiederholung geben wird. Es ist schon so, dass das Schauspiel Frankfurt sein Publikum derzeit etwas knapp hält.

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