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Klang, Tanz und Licht.
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Klang, Tanz und Licht.

"Vortex Temporum"

Auch noch das Klavier trudelt im Kreis

Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik: Anna Teresa De Keersmaekers eindringlicher Geniestreich „Vortex Temporum“.

Von Stefan Michalzik

Musik und Tanz – diese Beziehung beschäftigt die flämische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker seit den achtziger Jahren über ihr ganzes Werk hinweg, anhand der unterschiedlichsten Musikformen, von Bach über Mozart zu Wagner, der Zweiten Wiener Schule, Miles Davis und Steve Reich bis zu ethnischen Musiken.

Mit ihrem 2013 entstandenen Stück „Vortex Temporum“, mit dem ihre Compagnie Rosas zur Eröffnung der 48. Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt gastierte, knüpft die Choreografin nach zeitweiligen romantisch-erzählerischen Orientierungsstörungen wieder an die streng auf den reinen Tanz konzentrierte Ästhetik an, deren Setzungen der zeitgenössische Tanz einige seiner wichtigsten Impulse verdankt.

Der nüchterne, in hellem Holz getäfelte Raum im Darmstadtium ist leer bis auf einen Flügel und fünf im Halbkreis aufgestellte Stühle. Mit Kreide sind auf dem Parkett Kreise aufgezeichnet, die sich überlagern wie jene von Planetenbahnen. Zuerst spielen die fabelhaften Musiker des Brüsseler Ensembles Ictus den ersten der drei Teile des zwischen 1994 und 1996 entstandenen späten Stücks „Vortex Temporum“ (Strudel der Zeiten) – von dem Franzosen Gérard Grisey – ein Schlüsselwerk der Spektralmusik, sie zielt auf ein klangfarbenreiches Spiel der Obertöne.

Hell lodert der Klang auf, in fließenden Bewegungen verebbt er: diese kurze Phrase wiederholt sich wieder und wieder, mit kleinen, von einzelnen Instrumenten gesetzten Akzenten der Veränderung. Eine zweite, wiederum repetitive Phase ist sehr leise, die dritte gilt dem Klavier allein, mit einem harsch perkussiven Anschlag – ein vehementer Beitrag zu dem die Jahrhunderte überspannenden Thema „Lärm in der Musik“. Ein pointiert kräftiger letzter Schlag in die Tasten – und mit einem erheiternden tänzerischen Effet reißt es den Pianisten vom Hocker auf.

Im nächsten Zuge: die Tänzer der Rosas allein, ohne Musik. Zwei Frauen, vier Männer, sämtlich in schwarzer Kleidung von salopper Eleganz. Sie stellen sich im Halbkreis auf wie vorher die Musiker. Man hört nichts, doch man spürt den Nachklang der Musik anhand der Bewegungen. Zunächst kommen sie aus den Armen und dem Oberkörper, in einer merklich die Musik aufnehmenden Polyphonie, nicht zwingend indes ihr genau folgend. Die Körper beginnen, wie für Keersmaeker typisch, zu kreiseln; einzeln zunächst, dann synchron, präzise mal, aber auch mit geringen Abweichungen.

Stakkatohaft kantig, mit vielen Sprüngen, ist ein Solo für den Tänzer Carlos Garbin, zusammen mit dem Pianisten. Zum Schluss übernimmt der Tänzer das Klavier und wuchtet ein paar furiose Schläge in die Tasten. Im finalen Bild erfasst der Wirbel das komplette Ensemble, Tänzer wie Musiker, auch das Klavier trudelt im Kreis. Es entspinnt sich ein haarfein komponiertes Wellenspiel von Reduktion und Verdichtung in Klang, Tanz und Licht.

Dieser Abend ist von unverspielter Dringlichkeit. Eine formstrenge Studie ist das, doch das Stück erstickt nicht an diesem Charakter, es vermag die Sinne unmittelbar anzusprechen. Eine starke Arbeit, ein Geniestreich.

Internationale Ferienkurse für Neue Musik, Darmstadt: bis 14. August.

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