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Zwei Leben: Jana Saxler und Moritz Buch. Foto: Felix Holland

Freies Schauspiel Ensemble

Der Rohstoff Zeit

  • vonMarcus Hladek
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„Atmen“ von Duncan Macmillan mit dem Freien Schauspiel Ensemble Frankfurt.

Was ist bemerkenswert an dieser Inszenierung von Jürgen Beck-Rebholz für das Freie Schauspiel Ensemble im Frankfurter Titania? Zumindest zweierlei. Zum einen spielen Jana Saxler als „Frau“ und Moritz Buch als „Mann“ in Duncan Macmillans „Atmen“ ihre 90 Minuten Beziehungskisten-Alltag konzentriert und spannungsvoll aus. Anders als auf dem Theaterplakat ereignet sich ihr Dauerdialog keineswegs in einem dichten Wald des Lebens à la Dante, und doch schlägt sich das Pärchen von Ikea bis zur Bahre mit einem Mitte-des-Lebens-Klassiker herum: Kinder haben, ja oder nein? Er gutherzig und instinktgesteuert, sie intellektuell und ein bisschen bitchy, bilden die zwei ein ideales Paar. Die Bühne (Gerd Friedrich) setzt sie an einer weißen Bodenmarkierung aus: ein Rechteck als Spielort für immer neue Symboliken. Wenn sie „drin“ bleibt und er „raus“ geht, beide beieinander liegen oder eine Trennlinie zwischen sich lassen, verschiebt sich jeweils die Bedeutung.

Darüber hängt ein Pop-Art-vergrößertes Archivkärtchen am Bande mit einem Hashtag in Anführung („#“) als Beschriftung. Ob es als Damoklesschwert der Zeit für die Namenskärtchen steht, die manche von uns als Neugeborene im Spital am Zeh trugen – mit der Aussicht, als Tote abermals so kartiert zu werden? Ein Wink mit dem Zeitpfahl. Ob die Szenerie nun eine Lebensspanne andeutet oder nicht, ihre Abstraktheit jedenfalls belässt den Akzent auf Spiel und Wort. Das gilt ähnlich für die Kostüme. Dass die junge Frau am Promovieren ist und er als Musiker rummacht, bis er sich einen Job sucht, sagen uns die Gespräche und Redeweisen, nicht ein paar Streifen oder das Holzfällerkaro, gedeckte Farben, oder ob sie Leggins tragen.

Saxler und Buch bedienen das Stück des Briten Macmillan (Dramaturgie: Bettina Kaminski) also bestens. Inhaltlich fragt es, wie angedeutet, ob es angesichts unserer Welt vertretbar sei, Kinder zu bekommen. Besonders die Frau treibt diese Zeitgeist-Obsession ins Extrem gnostischer Zweifel an der Güte der physischen Welt und in die Negation menschlicher Prokreation, oder kürzer: bringen wir uns lieber um oder kastrieren uns, um die Eisbären zu retten, weil der CO2-Fußabdruck eines Babys so viel wiegt wie der Eiffelturm. Irgendwann wollen die beiden trotzdem „einen Menschen machen“, verkrampfen aber. Kein Wunder. Die Folge: Fehlgeburt, Missklang, Trennung. Verlorene Zeit.

Und dann geht es so schnell

Philosophisch ist das alles ein alter Hut gnostischer Sektierer, der von Schopenhauer bis Beckett wiederkehrt und sich mit Termini wie „CO2-Fußabdruck“ neue Vorwände zulegt. Interessanter ist eigentlich der formale Umgang mit dem Rohstoff Zeit. Dramen sind Zeitmaschinen; „Atmen“ macht sein Grundmotiv daraus. Anfangs ist das Tempo quälend, der Rhythmus jäher Zeitsprünge von einem Satz zum nächsten holprig. Gegen Ende geht das Spiel in Zeitraffer über. Im Nu markiert er sein Grab, und sie spricht mit dem Toten. Ein wenig ökodystopischer Regen fällt noch, ansonsten geht das Leben seinen Gang. Und alles war, wer hätte es gedacht, eine hübsche Bio-Liebesgeschichte.

Freies Schauspiel Ensemble im Titania, Frankfurt: 25.-27. September. 1.-3., 23.-25. Oktober. freiesschauspiel.de

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