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Das Ensemble, ausgelassen.

Staatstheater Darmstadt

„Atem/Souffle“: Côte d’Ivoire trifft Gustav Mahler

  • vonStefan Michalzik
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„Atem/Souffle“ am Staatstheater Darmstadt

Das leitende Motiv an diesem Abend im Großen Haus des Darmstädter Staatstheaters ist der Atem, und so heißt diese Arbeit auch ganz einfach „Atem/Souffle“. Es verbinden sich hier Orchester, Chor und Gesangsolisten des Opernhauses und das Tanzensemble der von der Elfenbeinküste stammenden Choreografin Nadia Beugré, hinzu kommt der Perkussionist Thomas Guei. Natürlich erscheint das Auftreten des schwarzen Ensembles, das auf einer modernen Grundlage aus der afrikanischen Tradition schöpft, gerade in Verbindung mit dem Atem als Faden wie ein Verweis auf Black Lives Matter, selbst wenn die Produktion schon vor dem Tod von George Floyd auf dem Weg gewesen ist.

Dieser collagenhafte Abend hat einiges von einer Tanzshow aus dem Entertainment, mit das Leben feiernden Tanzszenen bis hin zu furiosen Breakdancezitaten. Und dann wieder solch kontemplativen Momenten wie Morton Feldmans „The Rothko Chapel“ für Sopran, Alt, Chor und Instrumente. Steten Stimmungsumschwüngen mithin. Gespielt wird auf einer variablen Bühne – entworfen von Karsten Wiegand, dem Intendanten, der gemeinsam mit Nadia Beugré Regie geführt hat –, die geprägt ist von einem gigantischen Setzkasten, in dem beispielsweise der Chor sich verteilt, der aber auch bis an den hinteren Rand des weit aufgerissenen schwarzen Raumes verschoben werden kann. Dann tut sich eine mächtige dunkle Grube auf, aus der Instrumente tönen, bevor Hubpodien sie zutage fördern. Ein Raum im steten Wandel, Szene um Szene.

Das ist im Großen und Ganzen ein erfreulicher Abend, weil er einem eine ganze Reihe von wunderbaren ästhetischen Erlebnissen in musikalischer Aufführung auf bestem Niveau – musikalische Leitung: Daniel Cohen und Thomas Guei – verschafft. Die in den neunziger Jahren entstandene ivorische Musik- und Lebenskultur des Zouglou, so politisch wie hedonistisch orientiert, trifft auf europäische und US-amerikanische Konzertsaalmusik vorwiegend aus dem 20. Jahrhundert. Galina Ustwolskajas Kammermusikstück „Dona nobis pacem“ etwa, von Gustav Mahler der vierte Satz, „Urlicht“, aus seiner zweiten, der Auferstehungssinfonie mit dem Wunderhornlied „O Röschen Rot“ für Altstimme. Viele Improvisationen auch. Vieles bewegt sich im äußerst gedämpften Bereich, etwa Charles Ives’ Orchesterstück „The Unanswered Question“. Sowie sich die Beteiligten näherkommen, streifen sie sich Masken über Mund und Nase.

Dass in „Atem/Souffle“ einige allzu gefällige Bilder zu sehen sind, eines etwa um den rhythmischen Gleichklang des Spiels der großprojizierten Beine einer Spinne mit einer Trommel, stößt zunächst noch einigermaßen milde auf. Allzu ungeniert plakativ allerdings ist das Schlusstableau ausgefallen. Ein Weißer singt stilecht afrikanisch – und alle, schwarz wie weiß, hopsen und singen frohgemut im Chor „Victoire“, einen kämpferischen Song. Der diverse Gesellschaftsentwurf ist zwar, sagen wir ruhig: alternativlos. Alternativen zu derart platten Bildern gibt es aber schon – wie dieser zweistündige Abend ja selber gezeigt hat.

Staatstheater Darmstadt: 6., 19., 27. September. www.staatstheater-darmstadt.de

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