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Daniel Lommatzsch und Orit Nahmias.

Berliner Gorki Theater

Im Sog des Assoziierens

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Ein Abend Abwegiges: Falk Richter versucht sich am Berliner Gorki Theater mit seinem Projekt "Verräter. Die letzten Tage" an einer politischen Zustandsbeschreibung.

Diesmal gleich vornweg: Der Abend ist ein Desaster. Nicht schauspielerisch, auch nicht musikalisch, aber inhaltlich.

Die Sache will ein Projekt sein. Von Projekten spricht das Theater, wenn das Unfertige, Experimentelle seines Tuns hervorgehoben werden soll. Dagegen ist nichts einzuwenden, jede Kunst ist unvollendet, jeder Gedanke gebiert einen anderen. Überfordert von der Menge an Eindrücken und Informationen zu sein, ist entsprechend auch die stehende Klage seit Menschengedenken. Aber das kann keine Entschuldigung sein, vom Denken zu lassen, auch nicht von der Kunst. Man stufte sich sonst zum bloßen Objekt, wenn nicht zum Opfer der Umstände herab, oder man würde unfreiwillig zum Ideologen.

Diesem zweistündigen Projekt am Gorki Theater passiert genau das: Es überlässt sich dem Sog des Assoziierens – und bedient dabei Vorstellungswelten, die der eigenen Intention zuwiderlaufen.

Hier ist das nicht nur ärgerlich, sondern fahrlässig. Denn das von Falk Richter erfundene und für die Bühne inszenierte Projekt heißt „Verräter. Die letzten Tage“, es will ausdrücklich politisches Statement mit den Mitteln der Kunst sein. Ein Projekt in Diensten der Gegenwartsanalyse und Zustandsbeschreibung, ausgehend von der unbestrittenen Tatsache, dass die Gesellschaft unter Druck von Rechtsextremisten steht: Sie stellen die Demokratie nicht bloß in Frage, sie kämpfen gegen sie.

Eine zentrale Denkfigur der Rechten ist dabei gerade die Rede vom Verrat am Vaterland, an der Herkunft, am Volk, an der nationalen Identität. Richter greift sie auf, um in einer Art szenischen Phänomenologie zu erforschen, was Verrat eigentlich ist.

Damit begibt sich die Inszenierung wissentlich auf Glatteis. Denn wer von Verrat spricht, nimmt an, dass es das zu Verratende auch gibt, eine geschlossene Identität oder eine fixierbare Herkunft genauso wie das Vertrauen in Beziehungen oder familiäre Verpflichtungen. Die Differenzen sind allerdings groß, sie zu übergehen, ist ein Vorgehen, das gerade rechte Ideologen gern bedienen – zwischen Volk und Familie etwa werden die Unterschiede absichtsvoll eingeebnet.

Das tut dieser Assoziationsabend nicht. Er beginnt scheinbar harmlos, mit biografischen Erzählungen der Schauspieler. Mareike Beykirch erzählt von ihren Kindheitserfahrungen in Ballenstedt, südöstlich von Quedlinburg, vom Leben im Plattenbau („Sammelbecken der Opfer“), von den Besuchen im Jobcenter mit der Mutter. Mehmet Atesçi berichtet, wie er mit seinem Freund Christian in Istanbul auf Besuch ist und den Militärputsch erlebt („das ist so krass“). Im Zwischentext läuft stets die Frage nach dem Verrat mit: Verrät man sein Zuhause, wenn man von Ballenstedt fortgeht oder entgegen der elterlichen Hoffnungen eine homosexuelle Beziehung führt?

Unter der Hand wechselt der Abend dann ins Politische, hat nicht mehr Lebensläufe zum Gegenstand, sondern Propaganda-Versatzstücke. Çigdem Teke verlautbart ihre Überforderungsgefühle angesichts eines US-Präsidenten Trump in einer ohnehin unübersichtlichen Welt („zu viel Gedanken, die mir immerzu gleichzeitig ins Hirn schießen“) und sieht sich einzig darin getröstet, kürzlich im kambodschanischen Angkor Wat die Reste einer untergegangenen Herrscherdynastie besichtigt zu haben – einst werden auch Trump & Co. verschwunden sein. Jetzt aber ist alles „so laut“ im Kopf: „ich krieg das grad alles nicht geordnet /?ich brauch jetzt mal ruhe.“

Es folgt ein Song von Depeche Mode der Bühnenband, schön. Es folgt aber weiter die Imagination eines Aufstands von rechts: Vermummte entern die Bühne, Daniel Lommatzsch fläzt im Sessel und zitiert aus „Der Weg der Männer“ des rechtsradikalen US-Amerikaners Jack Donovan. Die apokalyptische Vision eines Niedergangs, als wäre er Naturnotwendigkeit. Das soll als Warnung genommen werden, als Schreckbild. Aber die fahrlässige Rede von Verrat zeigt hier ihre kalte Logik: Sie erfindet erst, was angeblich verraten wurde.

Wer diese Logik durchbrechen will, muss zwischen Verrat im Moralischen und Privaten und Verrat im Politischen und Ideologischen unterscheiden. Diese Inszenierung vermischt das jedoch fortwährend: Lommatzsch phantasiert sich als Musical-Regisseur, der Orit Nahmias als Nachfahrin von jüdischen NS-Kollaborateuren besetzen will, Knut Berger sinniert über die deformierende Kraft der Sprache: „entweder sie beschreibt dich und schreibt dir ständig irgend etwas zu“. Das zu parallelisieren ist nicht nur geschmacklos, es werden damit gleichermaßen Unterschiede übergangen wie Scheindifferenzen etabliert, es wird der Mist produziert, auf dem die Ideologien blühen.

„Wollte ich DAS jetzt schreiben?“, steht in Falk Richters Text, „nein, ich glaube nicht“. Aber es ändert nichts. Wer sich derart blindlings dem bloßen Assoziieren und Projektemachen überlässt, läuft jenen in die Arme, die man eigentlich bekämpfen will – und sollte. Ein Desaster.

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