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„Anthologie“ von Jacopo Godani in Frankfurt: Emsigkeit in Dunkelheit

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Von: Sylvia Staude

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Zoe Lenzi Allaria und David Leonidas Thiel in „Echoes From a Restless Soul“. Foto: Dominik Mentzos
Zoe Lenzi Allaria und David Leonidas Thiel in „Echoes From a Restless Soul“. Foto: Dominik Mentzos © Dominik Mentzos

„Anthologie“: Der Choreograf Jacopo Godani zieht im Schauspielhaus eine Bilanz seiner Zeit mit der Dresden Frankfurt Dance Company.

Als Jacopo Godani in der Spielzeit 2015/16 die damals schon im anstrengenden Spagat zwischen Dresden und Frankfurt feststeckende Forsythe Company übernahm, wurde auch gleich umbenannt: Man entschied sich für das sperrige Dresden Frankfurt Dance Company, versprach gleichzeitig, das Forsythe’sche Repertoire zu pflegen. Dass es dabei nicht um die abendfüllenden Stücke des langjährigen Frankfurter Ballettchefs gehen konnte, die dieser vor allem im Schauspielhaus gezeigt hatte, war sowieso klar. Aber dass in sieben Spielzeiten fast nichts von William Forsythe wieder auf die Bühne gebracht werden würde – das lässt die Umbenennung heute wenigstens ehrlich erscheinen.

Mit dem Ende dieser Spielzeit hört Jacopo Godani in Frankfurt auf, Ioannis Mandafounis wird seine Nachfolge antreten, nun ist auch er einmal im Schauspiel zu Gast. „Auszug“ steht hinter den allermeisten Programmpunkten, elf an der Zahl, und dieses Häppchenbüffet setzt Godanis Choreografien in ein vorteilhaftes Licht. Denn die Längen seiner Abende, die vor allem durch eine ermüdende Emsigkeit, eine nicht eben abwechslungsreiche Ruhelosigkeit entstehen, können hier gar nicht erst entstehen. Groß war denn auch der Jubel des Publikums, das mitunter schon mitten hinein klatschte in die kurzen Stücke.

Denn auf eine Perpetuum-mobile-artige tänzerische Virtuosität vor allem setzt Godani, egal, ob die Stücke „Premonitions Of a Larger Plan“, Ahnungen eines größeren Plans, heißen, „Postgenoma“ oder „Hollow Bones“, Hohle Knochen. Der hohe thematische Anspruch – manchmal sollte es gleich um die Zukunft der Menschheit gehen – ließ sich fast immer bewegungssprachlich nicht vermitteln.

„Anthologie. Portrait of an Artist“ hat der Choreograf, der einst bei Forsythe Tänzer war, seinen Rückblick betitelt. Für den er auch einige farbenfrohere, hellere Stückchen ausgesucht hat. Einen munteren Ensemble-Auftritt zum Beispiel zu Steve Reichs „Clapping Music“, ein heiter getöntes Armeschwenken und Füßeschütteln. Aber auch ein leichtfüßiges, hübsches Männerduo aus „Premonitions of a Larger Plan“, Hannelore Vander Elst spielt dazu flinke Gitarrenmusik von William Walton und Roland Dyens. Die beiden Tänzer (Kevin Beyer, Clay Koonar) lächeln sich auch mal an, scheinen sich zu necken, übertrumpfen zu wollen in Zierlichkeit.

Doch bevorzugt Godani die Dunkelheiten, in den in der Regel von ihm verantworteten Kostümen höchstens gebrochen durch Grau- und Silbertöne. Oft kann man die Gesichter seiner Tänzerinnen und Tänzer nicht lesen, während sie sich abarbeiten an bald repetitiv wirkenden, nicht auf Dauer fesselnden Bewegungsfolgen. Oft bilden drei oder vier Körper Knäuel, meist streben sie aber trotzdem nach oben, die Bewegungsentwicklung am Boden interessiert Godani (anders als den späteren Forsythe) nicht sehr. In traditionellen Duos, in denen die Frauen auf Spitze tanzen (hier etwa „Echoes From a Restless Soul“ zu Klaviermusik von Ravel), ist die Rollenzuweisung altbacken: immer und immer wieder fasst der Partner seiner Kollegin an den Oberschenkel, um ihr dabei zu helfen, die Beine auf deutlich mehr als 180 Grad zu öffnen, zu überdehnen. Oder packt sie um die Taille, damit sie in den Luft-Spagat gehen kann. Das ist Artistik um der Artistik willen, latent sexistisch dazu.

Ein Neuanfang für die Company ist umso verlockender, als die Choreografien des sympathischen Jacopo Godani die Tanzkunst jedenfalls trotz hohem Anspruch nicht vorangebracht haben. Dazu stellt er die Form, die auf Eindruck durch Geschwindigkeit, auf Beeindruckung aus ist, zu sehr über den Inhalt. Es scheint außerdem, als traue er seinen eigenen Fähigkeiten nicht genug, um es mit ein bisschen Schlichtheit, Langsamkeit, einem Innehalten zu versuchen. Und vielleicht ist das ja so, denn als am Ende das Ensemble vor und in einer Meereswellen-Projektion liegt, rollen Tänzerinnen und Tänzer hin und her, wie ein erschöpft, schwer auf dem Strand liegender Mensch sich eben gerade nicht rollen würde.

Dresden Frankfurt Dance Company im Schauspiel Frankfurt: 3., 4. Dezember. www.dresdenfrankfurtfdancecompany

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