Theater

Die Ansprüche der Erwachsenen

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Sie wollen sich aber nicht einfach integrieren: Das Jugendclub-Projekt „Heidi in Frankfurt“ am Schauspiel

Ein Integrationstheater“ ist diesmal der Untertitel des Jugendclub-Projekts am Schauspiel Frankfurt. Das Ensemble ist allemal integriert beziehungsweise inklusiv: Umfasst es doch zwölf Jugendliche mit Wurzeln in diversen Ecken der Welt, mit Behinderungen auch. Und durch die gemeinsame Arbeit an einem Stück vertieft sich die Integration, ob man das nun plant oder nicht.

Aber an diesem gut einstündigen Abend in den Kammerspielen wird auch gehörig protestiert gegen die Integration – oder nur gegen eine bestimmte Art von Integration, eine gedankenlos geforderte? –, da schimpft man und will (oft ist dieses „ich will“ zu hören) eigenwillig, eigenständig, selbstbestimmt sein. Basta. Keiner soll einem sagen, was man zu tun hat, dass man etwa nett sein soll, lächeln soll, sportlich sein soll. Und schon gar nicht dürfen die Leute nachfragen, warum man Carlotta heißt und nicht Charlotte – und ob man aus Italien kommt? Oder warum man Zündorf heißt und „trotzdem“ schwarz ist.

Vage aufgehängt ist der Abend, der wieder von der Theaterpädagogin und Regisseurin Martina Droste mit den Jugendlichen erarbeitet wurde, an Johanna Spyris „Heidi“-Kinderbüchern, er heißt darum „Heidi in Frankfurt“. Aber es ist nicht eben viel von Heidi die Rede, noch nicht einmal von der in Frankfurt fremdelnden, sich nach den Bergen sehnenden Heidi.

Arbeitsmaterial des Projekts sind wie immer die Geschichten, Meinungen, Fähigkeiten der Jugendlichen. Can zum Beispiel, der kein bisschen türkisch aussieht – aber wie sieht man türkisch aus? – und also witzelt: Er sei ein Untergrund-Türke. Luka Buchele mit dem schwäbischen Namen, der aber gar nicht aus Schwaben kommt. Sofia Troplini, die mit einem italienischen Namen in Spanien lebte, aber nun wirklich keine Italienerin ist.

Die Jugendlichen betreten nach und nach den blendend weißen Bühnenraum und singen „Kein schöner Land in dieser Zeit“ (Chorleitung: Christina Lutz). Es geht um Heimat und Heimatgefühle. Für eine junge Frau sorgen die Unebenheiten auf der Terrasse des Elternhauses, über die sie so oft barfuß gelaufen ist, dafür, dass sie sich Zuhause fühlt. Andere aus dem Dutzend stehen zwischen zwei Heimaten, geben an, nicht zu wissen, wo sie hingehören oder vielmehr: wo sie sich stärker zugehörig fühlen.

Sie finden es komisch, wenn man ihnen sagt, ihre Heimat sei Afghanistan, „weil ich das Land nie gesehen habe“. Überhaupt wollen sie sich von den Erwachsenen nicht sagen lassen, was sie zu empfinden haben. Und schon gar nicht, dass sie sich anpassen, integrieren sollen. Manche und mancher schreit Wut hinaus. Die jungen Frauen haben den zusätzlichen Grund Sexismus, sich zu empören.

„Heidi in Frankfurt“ ist vor allem ein Selbstbehauptungstheater. Nicht viel mehr als schwarze Seile kommen im weißen Raum als Requisiten zum Einsatz (Bühne und Kostüme: Michaela Kratzer), sie fesseln, begrenzen, schnüren ein, deuten einmal einen Galgen an – aber man kann sich von ihnen befreien und den eigenen Weg gehen. Oder den eigenen Weg tanzen, denn auch die Choreografin Aleksandra Maria Scibor und der Musiker Ole Schmidt haben mit den Jugendlichen gearbeitet. Die nun mit beeindruckender Präsenz auftreten und sagen, was sie zu sagen haben.

Schauspiel Frankfurt,Kammerspiele: 18. Oktober, 7., 13. November. www.schauspielfrankfurt.de

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