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Hadern in gepflegter Atmosphäre.

Komödie Frankfurt

Anschleichtaktik

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Die Komödie Frankfurt zeigt das aktuell gebliebene Stück „Schein oder nicht Schein“.

Mit feinem Humor haben der französische Dramatiker Maurice Lasaygues und sein Lebenspartner Jean-Jacques Bricaire provokante gesellschaftliche Sujets in ihren Komödien bearbeitet. So entstand 1984 das Stück „Schein oder nicht Schein“ als ein anspielungsreiches Verwirrspiel über Homo- und Transsexualität. Das Stück, das damals noch empfindliche Tabubereiche berührte, ist bis heute aktuell und wird jetzt an der Komödie in Frankfurt in der Regie von Steffen Wilhelm gezeigt.

Die Inszenierung setzt mit Schifferklaviermusik ein. Sofort blitzen innere Bilder von Frankreich auf, ganz so, wie man es sich aus der Ferne gerne vorstellt. Die Szene (Bühne: Tom Grasshof) zeigt ein bürgerlich-konservatives, wohlhabendes Ambiente. Möbel und Tapeten sind blau-weiß abgestimmt, alles wirkt klischeehaft vertraut, auch eine Au-pair-Hilfe, die gern für erweiterte Dienste zur Verfügung steht, gibt es.

Der Auftakt lässt keine Gesellschaftskonflikte erwarten, eher ein buntes Eifersuchts- und Intrigenspiel. Subtil schleichen sich jedoch Aspekte ein, die genau in die gegenwärtige Diskussionen über Metoo, Transgender und queeres Leben passen.

„Wo der Mann anfängt, hört der Mensch auf“, sagt Au-pair Jasmin (Claudia Plöckl) empört, als sie erfährt, dass ihr Geliebter Louis (Patric Dull) eine Frau aus besseren Kreisen heiraten wird. Hierarchisches Denken, Elitebewusstsein und abfällige Umgangsweisen sind im bürgerlichen Milieu der Grande Nation noch immer typisch und werden in der Inszenierung deutlich herausgestellt. „Portale müssen vor ihr geöffnet werden“, heißt es zum Beispiel über Mathilde (Barbara von Münchhausen), die Verlobte des Pariser Abgeordneten Albert (Jacques Breuer). Alle streben nach Höherem und nutzen andere aus, wo es möglich ist.

Auch die Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum verschwimmen. „Ihr schafft das“ – ruft Albert ans Fenster tretend ins Blaue hinaus, als er über die strategisch günstige Hochzeit seines einzigen Sohnes spricht. Er ist tadellos gekleidet, trägt einen perfekt angepassten blauen Anzug, blaue Krawatte und weißes Hemd (Kostüme: Petra Freimuth-Panosch). Spöttisch wird er zurechtgewiesen: „Du bist nicht im Parlament“.

Geplant ist eine Doppelhochzeit, zeitgleich mit dem Sohn will Albert die Jugendfreundin Mathilde heiraten. Ehefrau Marie-Louise war fünf Jahre nach der Geburt ihres Sohnes urplötzlich verschwunden und konnte erst 20 Jahre später offiziell für tot erklärt werden.

Vor der Hochzeit kündigt sich der Besuch eines amerikanischen Oberst an. Colonel Frank J. Harder (Marko Pustišek) an, Sonderbotschafter der Vereinigten Staaten, Mitglied in der Kommission zur Wahrung der Menschenrechte. An seinem Revers trägt er etliche Orden. Ungereimtheiten irritieren jedoch. Er offenbart Insiderwissen, identifiziert ein neutrales Strandfoto als Bild der verschwundenen Gattin in Deauville. Auch erinnert er an den einst so geschätzten Lieblingsocktail „Picon grenadine“. Schnell wird erkennbar, dass im Colonel eine verdeckte Persönlichkeit fortlebt, deren Besonderheiten Marko Pustišek gekonnt sichtbar macht.

Komödie Frankfurt: bis 30. Juni. www.diekomoedie.de

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