Annette Mingels.
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Annette Mingels

Das Schicksal ist ein vergessener Schlüssel

  • vonSusanne Lenz
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Annette Mingels erzählt in „Dieses entsetzliche Glück“ hochkonzentrierte Geschichten aus einer Kleinstadt in Virginia.

Dass das deutsche Publikum das kurze Format nicht mag, ist ein weitverbreitetes Vorurteil. Vor allem wohl bei Verlegern. Also nennt der Verlag Annette Mingels’ neues Buch „Dieses entsetzliche Glück“ einfach einen Roman, nummeriert die Geschichten, so als seien es Kapitel, 15 an der Zahl. Dabei sind das doch Kurzgeschichten, von denen man sagen könnte, dass die Amerikaner sie erfunden haben.

Es kann also kein Zufall sein, dass Annette Mingels – kaum ist sie nach San Francisco gezogen – sich daran versucht. Nur dass sie den Sprung ins neue Genre insofern tatsächlich abgefedert hat, als all ihre Geschichten am selben Ort spielen und einige Personen in mehreren Geschichten vorkommen. Auch wenn man das erst gar nicht begreift, weil die Perspektive jeweils eine andere ist oder man einen Namen schon fast wieder vergessen hat. Manchmal blättert man dann zurück. Erforderlich ist das nicht. Jede Geschichte steht für sich.

Nicht alle ihrer Kurzgeschichten haben das gleiche Niveau, aber Annette Mingels versteht sich auf dieses Format, das werden auch die unterschätzten deutschen Leser zu schätzen wissen. Dass sie Figuren in wenigen Sätzen charakterisieren kann, konnte man schon in ihren Romanen feststellen, wo es gar nicht nötig gewesen wäre. In der Kurzgeschichte aber ist diese Fähigkeit unabdingbar, sie kommt ihr zupass ebenso wie die Einblicke in das Seelenleben ihrer durchweg nicht besonders glücklichen Protagonisten. Sie leben in Hollyhock, einer fiktiven Kleinstadt irgendwo in Virginia, die in ihrer Alltäglichkeit der natürliche Lebensraum der Short Story ist.

So banal das Leben der Protagonisten sein mag, so stellen sich ihnen doch die großen Fragen – nach dem Wesen der Liebe, nach Schuld, Tod und der Verantwortung füreinander.

Da ist Robert, der mit seiner Frau die Vereinbarung getroffen hat, dass beide mit anderen schlafen können. Nur dass Robert das gar nicht wollte. Und nun sitzt ihm in seinem Pendlerzug eine Frau mit drei Kindern gegenüber, aber ohne Gepäck, die keine Fahrkarte vorweisen kann, als der Schaffner kontrolliert. Und Robert überrascht sich damit, dass er sagt: „Ich kann gern für die Dame bezahlen.“ Die Nachtstunden, die die beiden am Ende miteinander verbringen, verlaufen völlig anders als erwartet. Zunächst wenigstens.

Man läuft hier gar nicht Gefahr, eine Pointe zu verraten. Sie besteht gerade darin, dass die Geschichte im Offenen endet, dass man weder erfahren hat, was passiert ist, noch einen Hinweis darauf bekommt, wie es weitergeht. Und doch vermutet man, dass Annette Mingels viel mehr weiß, denn es liegen in dieser Lakonie Leben vor einem aufgefächert, in denen es ums Ganze geht.

Ein Mann wird nach langer Zeit von seiner Frau verlassen, ein Freund verlässt einen Freund, eine Schwester hält zu ihrem depressiven Bruder. Das ist nicht alles so schwer und traurig, wie es vielleicht klingt. Tess etwa, die endlich schwanger werden möchte, macht, nachdem ihr Mann eingeschlafen ist, eine Kerze. „Die Beine ganz gerade in die Luft, sodass seine trödeligen Spermien sich nur noch fallen lassen mussten, direkt in ihr sehnsüchtig wartendes Ei hinein.“

Die Kurzgeschichte konzentriert sich auf das Alltägliche, das Schicksal muss sich ihm unterordnen. Es schwebt nicht in der Höhe, um sich dann wie ein gieriger Raubvogel herabzustürzen auf seine Opfer. Bei Annette Mingels muss es sich ganz banal von einer abgeschlossenen Balkontür repräsentieren lassen, die einem todkranken Enkel im Weg steht, der sich zusammen mit seiner Großmutter in den Tod stürzen will. Oder es muss in das Gewand eines vergessenen Schlüssels schlüpfen, mit einem Anhänger aus drei roten Glassteinen – und, ja, für solche Details ist auch in Kurzgeschichten Platz.

Der Schlüssel nämlich gehört zu einem Haus, das die Maklerin Susan zeigen möchte. Sie kommt also überraschend nach Hause zurück. Im Flur hört sie, wie ihr Mann einer Nachbarin erzählt, dass er als Teenager beim Eishockey einmal einen gegnerischen Jungen in der Nähe der Bande geschubst hat. „Es war zu heftig, weißt du.“

Es ist eine Geschichte, die Susan noch nie gehört hat. Sie nimmt den Schlüssel aus der Schale und schleicht sich hinaus, rennt los, kommt gerade noch rechtzeitig, um einer Familie das Haus zu zeigen. Als sie weg sind, setzt sie sich auf das fremde Sofa. Sie weint ein bisschen. „Es hatte Jahre gedauert, bis sie diejenige Maklerin in Hollyhock war, die die besten Häuser in ihrem Portfolio hatte. Das ist doch was, dachte sie. Das ist zumindest nicht nichts.“ So tröstet man sich in Hollyhock und überall.

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