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„Anna Karenina“ in Mainz: Jetzt wird abgerechnet

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Von: Sylvia Staude

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Auch da ist schon etwas erloschen: Wronskij und Anna in der Mainzer Inszenierung. Foto: Andreas Etter
Auch da ist schon etwas erloschen: Wronskij und Anna in der Mainzer Inszenierung. Foto: Andreas Etter © Andreas Etter

Alexander Nerlich mit einer zupackenden Fassung des Tolstoi-Romans „Anna Karenina“ in Mainz.

Am 14. Dezember 1890 hält Sofja Andrejewna Tolstaja in ihrem Tagebuch fest: „Kam heute beim Abschreiben von Ljowotschkas Tagebuch an die Stelle, an der er notiert hat: ,Es gibt keine Liebe.‘“ Weiter liest man: „Ja hätte ich diese seine Überzeugung vor neunundzwanzig Jahren gekannt, dann hätte ich ihn um nichts in der Welt geheiratet.“ Übrigens schrieb sie einst auch seine monumentalen Romane ab, „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“, jeweils mehrfach, also am Ende Abertausende von Seiten.

Frauen, Männer, die Ernüchterung ersterer über die Gleichgültigkeit letzterer (solange sie nur ihre Bequemlichkeit haben): Lew Tolstoi, der allen Anzeichen nach ein zutiefst selbstbezogener Ehemann war („Es gibt etwas, was ich mehr als das Gute liebe: Ruhm“, notierte er ebenfalls im Tagebuch), bewies doch als Schriftsteller Verständnis für Frauen, die ihre rein unterstützende Funktion und den dabei noch untreuen Ehemann satt haben. Die es zu einer Abrechnung drängt. Die schnell (und unbedacht) entflammen, wenn ein frischer Verehrer sie umwirbt.

Eine große Bühne für Tolstois Anna Karenina – die nuancenreiche und intensive Kruna Savic – bereitet jetzt Alexander Nerlich im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters. Die anderen Figuren, von Serjoscha, dem verstörten Söhnchen Annas, bis zum Zurück-zur-Scholle-Gutsbesitzer Kostja, werden in dieser entschlossen voranschreitenden Fassung keineswegs vernachlässigt. Es ist eine geschwinde, geschmeidige Inszenierung in (mit Pause) dreieinhalb Stunden. Zügigen Szenenwechseln dient die Bühne Thea Hoffmann-Axthelms: in ihrer Mitte eine breite, flugs drehbare Wand, auf der einen Seite Tapete, auf der anderen Holz; eine wirbelnde Wand, an der man sich festhalten kann (Kitty und Kostja fahren Schlittschuh), die erstiegen werden kann (Anna und Wronskij in ihrer verzweifelten Liebe) und die sogar, mit umgesteckten Halterungen und Seilen, zum buchstäblich schwankenden Grund wird. Anna und Wronskij haben es sich auf seinem Gut schick und schön gemacht, aber der unsichere Boden, auf dem sie stehen, spricht ihren Worten von einem „Ort der angstfreien Begegnung“ mit gutem „Raumklima“ Hohn.

Nicht nur bei dieser traurig-lächerlichen Ansprache an die Einweihungs-Gäste ist die Sprache eine ganz heutige – Nerlichs Basis für die Bühnenfassung war die Neuübersetzung Rosemarie Tietzes von 2012. Die nicht sklavisch historisierenden Kostüme Zana Bosnjaks geben Hinweise auf die Zeit des Geschehens; aber das Publikum hört seine eigene Sprache und seine Sprachmoden: „Du hast ’ne grauenhafte Energie gerade“ (Jaschwin zu seinem Kumpel Wronskij). „Ich habe ein Recht auf dich“, sagt Karenin, Martin Herrmann. „Bitte was?“, entgegnet Kruna Savic im barsch-ungläubigen Ton einer Frau, die auch sagen könnte: Geht’s noch?

Gerade noch hat Anna ihre Schwägerin Dolly, Katharina Uhland, und ihren Bruder Stiwa, Johannes Schmidt, aufgesucht, um zu vermitteln, da Dolly ihren untreuen Ehemann zu verlassen droht, Kinder hin oder her. Da verguckt sich Anna, deren Mann Aljoscha, Martin Herrmann, wiederum nur an seine politische Karriere denkt, schon hoffnungslos in Wronskij, Orlando Klaus. Was sich in ihr als Frust und Wut angesammelt hat, jetzt muss es raus, jetzt wird abgerechnet. Gerade noch hat sie gesagt „Mein Mann ist ein guter Mann“, da ist er ihr schon zuwider. Sie will gehen. Sie will bleiben, wegen des kleinen Serjoscha. Im Hintergrund stellt sich immer wieder Lorenz Klee ans Mikro, personifiziert, was an wirren, quälenden Gedanken durch Annas Kopf wirbelt.

Das Trio der liebenden, hassenden, verzeihenden, nie wieder verzeihenden Frauen wird vervollständigt durch Kitty, Johanna Engel, die eigentlich Wronskij wollte, aber Kostja nimmt. Carl Grübel ist der Typ Aktivist, der sich auf einem so richtigen Weg glaubt, dass alle anderen nur irren können. Lange wird diese Ehe wohl nicht glücklich sein, ist es vorerst nur, weil Kitty ihn zu nehmen weiß.

Regisseur Nerlich besticht in Mainz nicht zum ersten Mal mit einer zupackenden Inszenierung, die nichts glattbügelt, jedoch nüchtern und unsentimental bleibt. Die immer wieder eine ins Groteske gesteigerte, auch symbolische Körpersprache einsetzt (Choreografie Jasmin Hauck, Cecilia Wretemark-Hauck), aber dabei nicht überdosiert: Etwa wenn die ganze Gesellschaft als wilde Jagd aus Ross und Reiter im Rund galoppiert, der kleine Serjoscha, Alessia Ruffolo, sich den Hals bricht. Wronskij gibt dem armen „Tier“ den Gnadenschuss.

Staatstheater Mainz: 4., 27., 28. Dezember. www.staatstheater-mainz.com

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