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Johlend werfen sie eine ?Tote? in die Luft in ?Grand Finale? von Hofesh Shechter.

Tanz

Bis andere auf unseren Gräbern tanzen

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Hofesh Shechters großartige neue Choreografie „Grand Finale“ beim Colours International Dance Festival in Stuttgart.

Irgendwann schweben von oben Seifenblasen ein, sie sind klein und sie sind wenige. Sie sind in Größe und Zahl gerade so, dass sie über den Köpfen der Tänzer ein bisschen glänzen, ehe sie auf dem Boden so gut wie keine Spur hinterlassen. Das ist die große Kunst des Hofesh Shechter: Stets die perfekte Balance zu halten zwischen Pathos und Dezenz, Gefühlsappell und Nüchternheit. Er kennt seine Mittel, es ist auch nicht so, dass er sie sehr variiert. Aber sein Gefühl für das richtige Bild im richtigen Moment, für Dramaturgie also, ist perfekt. Und das für die Stimmungsnuancen von Bewegung sowieso.

Das jüngste Stück des in London lebenden und arbeitenden israelischen Choreografen heißt „Grand Finale“, es hatte gerade erst in Paris seine Uraufführung, war jetzt beim Stuttgarter Tanzfestival Colours zu sehen – und es ist grandios.

Das Thema von „Grand Finale“ lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Wir tanzen auf den Gräbern anderer, bis andere auf unseren Gräbern tanzen. Sichtbarer, eindeutiger als in anderen Shechter-Stücken geht es hier um den Tod. Immer wieder sinken, fallen einzelne Tänzer, werden ihre schlaffen Körper von Kollegen zärtlich gehalten oder rüde über den Boden geschleift, liegen ein paar Tänzer übereinander, ein Haufen Fleisch (ja, man denkt sogleich an Syrien). Eine „Tote“ wird vom Rest des zehnköpfigen Ensembles auch mal johlend und schreiend in die Luft geworfen. Darsteller knien, den Nacken gebeugt (ja, man denkt sogleich an die schrecklichen Enthauptungen durch den IS). Doch vor der Pause ist die wohl berührendste Szene, als vier Tänzer mit wie leblosen Tänzerinnen Walzer tanzen, bis sie ihren Armen entgleiten, bis sie die Luft umarmen.

Apropos Walzer: Natürlich gibt es auch wieder die furiose, rhythmisch treibende, düster grollende, abrupt dreinhauende Shechter-Musik (der Choreograf hat auch Schlagzeug studiert), aber sechs Musiker sind live dabei, in Klezmerband-ähnlicher Besetzung spielen sie unter anderem – zum Ende der Pause ausführlich – Franz Lehárs „Lippen schweigen“ aus der „Lustigen Witwe“. Das Publikum lässt sich nicht zweimal bitten, mit „Laaaalalala“ einzustimmen. Zwei Musiker tragen Splitterschutzwesten überm Frack.

Alltagsklamotten in Braun- und Beigetönen tragen die Tänzer vor der Pause, nach der Pause ist ein wenig mehr Farbiges dabei (Ausstattung: Tom Scutt). Das Bühnenbild besteht lediglich aus beweglichen schwarzen Teilen, Stücken eines hohen Grenzzauns nicht unähnlich. Manchmal gleiten sie wie von Gespenstern bewegt über die Bühne.

Apropos Gespenster: Tom Vissers fabelhaftes Lichtdesign führt nicht zum ersten Mal in einem Shechter-Stück dazu, dass Formationen, kurze Szenen oder Stills sich wie von Zauberhand aus Theaternebel und Finsternis lösen, dass sogar die Musiker mal hier, mal da auftauchen – und es ist ganz unerklärlich, wie sie mit ihren Instrumenten so schnell dorthin gekommen sind. Und auch die Szenenschnitte, die schnellen Blackouts, Schlaglichter, die plötzliche Helle sind meisterhaft eingesetzt. In 95 Minuten netto gibt es auch deswegen keine Chance, mit den Gedanken etwa weit zu wandern.

Das lebenswarme Herz aber, das in jedem Stück von Hofesh Shechter schlägt, ist natürlich der Tanz. Sind diese immer etwas schluffig wirkenden Bewegungen, weil der Choreograf gar nicht mit dem fest und pfeilgerade gehaltenen Oberkörper arbeitet, weil seine Tänzer oft gebeugt erscheinen, ihre Arme nicht geführt, sondern mit ebenfalls lockeren Händen geschleudert werden. Sie machen ein paar Volkstanzschrittchen, sie schlurfen fast, sie geben auch in den Knien nach. Manchmal kann man diese Tänzerinnen und Tänzer darum für Menschen wie Du und ich halten, aber das täuscht selbstverständlich. Denn auch die scheinbare Lässigkeit des Tanzes ist so ausgependelt, dass das Hüpfen, Sich-Schütteln, Schlenkern nie etwas Leichtfertiges oder Sorgloses hat.

Nach der Pause steigert sich die stets vom Tod umfangene Menschengruppe auch mal in eine Art Tanzhysterie, eine dunkel grundierte Ausgelassenheit. Als müsse es halt auf jeden Fall weitergehen, irgendwie – und es muss ja auch weitergehen, irgendwie.

Colours Dance Festival, Stuttgart: bis 23. Juli. www.coloursdancefestival.com

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