+
Dem „Chronisten“ wird so manches Symbol einfach herausoperiert. 

Mousonturm

Andcompany&Co.: Es war doch auch nicht alles schlecht

  • schließen

Das Performance-Kollektiv andcompany&Co. mit einem Stück über die Wiedervereinigung.

Den Mauerfall und die Wiedervereinigung als verpasste Chance und im Stil von Kindertheater erzählt das in Berlin beheimatete Performance-Kollektiv andcompany&Co. in „1989: The Great Disintegration“. Michael Endes „Unendliche Geschichte“ wird bemüht in Bruchstückchen. Ein Riesenkohlkopf spricht mal kurz Helmut-Kohl-Originaltext oder ist Endes uralte Morla. Ein Mini-Ufo muss per Fußbetrieb bewegt werden. Eine Nacktschnecke, das braune Kostüm inklusive schicker Schleimspur, nervt, weil sie immer mal in aller Ruhe ein Salatblatt mümmeln will.

„Drüben“ (in dem Fall wohl der Westen) gibt es quietschegrüne Männchen, angeblich wird „drüben“ jeder gleich grün. Aus dem großen Kohlkopf-Mund kommt gravitätisch auch das Hölderlin-Gedicht „Hälfte des Lebens“. Ein Höllenhund spricht und ist außerdem Jukebox. Aus dem „Chronisten“-Körper werden unterschiedslos Pappeköpfe von Heiner Müller wie Erich Honecker, Katarina Witt wie dem Sandmännchen operiert. Dazu eine Banane, klar, und ein roter Stern. Ist ja alles eins. Oder halt: nicht mehr eins – weil desintegriert. Scheint aber irgendwie auch egal zu sein.

Das Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm ist Koproduzent des „Great Disintegration“-Stücks, das munter und drollig sprunghaft, aber doch auch harmlos ist. Zuletzt sogar erschreckend harmlos nach dem Motto: Es war doch aber nicht alles schlecht in der DDR. Eine Art Refrain lautet: „Das hätten wir hinbekommen“, hinbekommen nämlich alles von der Kinderbetreuung bis zum „Party machen“, von der Tauschbörse bis zum „eigenen Ding“.

Moment, kann man etwas auch rückwärts beschließen?

Andcompany&Co. – Konzept und Regie: Alexander Karschnia, Nicola Nord, Sascha Sulimma – sprachspielen und quatschen sich diesmal so durch. Sie möchten die Resolution „Phantasie statt Bürokratie“ beschließen ... aber Moment, kann man etwas rückwärts beschließen, fragt die Schnecke (Nicola Nord). Den Chronisten (der Journalist Karsten Krampitz) „macht das auch ein klein wenig betroffen“. Das Irrlicht (die Autorin Luise Meier) würde dann auch gern was sagen und meldet sich unermüdlich wie in der Schule, kriegt das Mikro nicht, kriegt es dann doch, will „mit den Bürokraten mal reden“, denn so ein Feld, das ausgefüllt werden muss, ist ja nicht nur schlecht, „zwingt ja auch mal zu Entscheidungen“.

Der Text ist pfiffig und auch lustig, wie er alles in den großen Mixer schmeißt, Schabowskis „Nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“ zu Reinhard Meys „Über den Wolken“, Woolworth und den Duft des Westens zur ersehnten „Schiins“ und „Schiinsjacke“. Mal quillt Theaternebel, mal tanzen drei Blümchen. Sascha Sulimma macht Musik und bedient auch den großen Kohl-Mund.

Ein in 80 Minuten kurzweiliger Abend, der sich nicht um Folgerichtigkeit und auch Logik schert. Muss er auch nicht. Ein Abend aber auch, der jede Schärfe vermissen lässt. Und das nach beiden Seiten der früheren Grenze und in alle Richtungen. „The Great Disintegration“ witzelt die Dinge so weg, kalauert „erst arbeitslos, dann schwerelos“ und ist, wusch, schon wieder bei einem ganz anderen Thema, zum Beispiel bei Robert Smith, der im wirklichen Leben zwar Frontmann von The Cure ist, hier aber flugs zum „depressivsten Mann der DDR“ gemacht wird. Ehe man weiteralbert, weitereilt, obwohl doch eine Schnecke mitspielt.

Ein politisches Stück war zu erwarten, ein seltsam unpolitisches, stellenweise naiv wirkendes Stückchen ist aus dieser Befassung mit 1989 geworden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion