1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

„Amsterdam“: Hochgestimmt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Stimmen- und Menschenknäuel.
Stimmen- und Menschenknäuel. © Martin Sigmund

Maya Arad Yasurs „Amsterdam“ am Staatstheater Darmstadt.

Maya Arad Yasurs „Amsterdam“, 2018 in Haifa uraufgeführt und im selben Jahr mit dem Stückemarktpreis des Berliner Theatertreffens ausgezeichnet, wird seither auch an deutschen Theatern viel gespielt. Interessant ist die Perspektive einer jungen Israelin, die in Amsterdam lebt und einerseits mit ihrem eigenen Selbstbild und Projektionen oder vermuteten Projektionen umgehen muss – hält der Mann in der Supermarktschlange sie für eine muslimische Migrantin und warum ist ihr das eigentlich unangenehm?

Andererseits wird sie durch einen Vorfall auf die Geschichte des Hauses an der Keizersgracht gestoßen, in dem sie lebt, und erzählt sich damit zurück in die Zeit der deutschen Besatzung. Gespenstisch symbolträchtig ist der erwähnte Vorfall: Es ist eine unmäßig hohe Gasrechnung, die bei ihr landet, und tatsächlich von 1944 stammt. Yasur baut eine komplizierte Geschichte darauf auf, in der Widerstandskampf, Kollaboration, Liebe, Verrat eine Rolle spielen, mittendrin eine junge schwangere Jüdin – auch die aktuelle Mieterin ist hochschwanger. Die Geschichte ist kaum zu glauben. Yasur eröffnet diese Möglichkeit auch selbst, eine den einzelnen Figuren nicht zugeordnete Gruppe von Sprechenden könnte sich all das gerade erst ausdenken.

Man kann es schwebend nennen, dass der Text und erst recht der Abend am Staatstheater Darmstadt das nicht klären. Es ist aber angesichts der Wucht der Geschichte auch delikat. Und: In den Kammerspielen zwirbelt Regisseurin Julia Prechsl diese Konstruktion nun dermaßen auf, dass im Hochgestimmten, Lautstarken alle Nachdenklichkeit zum Erliegen kommt. Stattdessen herrschen in Birgit Leitzingers stilisierter bürgerlicher Wohnung helle Aufregung, Bewegungsdrang, quietschige Plapperei. Dringlichkeit durch Wiederholung, Spannungssteigerung durch Abschweifen: übliche, gangbare Mittel, hier werden sie zunehmend schal (hat keiner gemerkt, dass das in eine ganz selbstverliebte Richtung läuft?). Das Stimmen- und Menschenknäuel kommt beim Erzählen auch dadurch nicht voran – allein das Öffnen der Tür, vor der die Gasrechnung liegt, verzögert sich so, dass es zum Verzweifeln ist. Dramaturgisch kündigt sich so eine unaussprechliche Geschichte an. Dann ist die Geschichte zwar schrecklich, aber nicht schrecklicher als andere Geschichten aus dem Holocaust.

Das Ensemble zeigt dabei allerdings, was es drauf hat, eine Menge: Naffie Janha, Anabel Möbius, Mariann Yar, Béla Milan Uhrlau und der Tänzer und Choreograf Chris-Pascal Englund-Braun sind voller Hingabe und Leben, während die Geschichte zugrundegeht. Wie bei einer schweren Geburt (die kommt ebenfalls vor, unter Gekreische) hofft man nur mehr, dass es bald vorüber ist. Anderen ging es anders, der Premierenapplaus war prima.

Staatstheater Darmstadt, Kammerspiele: 18. Juni, 1., 14. Juli. www.staatstheater-darmstadt.de

Auch interessant

Kommentare