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„American Son“ im English Theatre Frankfurt: Vor dem Sturm

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Von: Marcus Hladek

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„American Son“: Die zagenden Eltern auf der Polizeiwache. Wo ist ihr Sohn, was ist passiert? Foto: Martin Kaufhold
„American Son“: Die zagenden Eltern auf der Polizeiwache. Wo ist ihr Sohn, was ist passiert? © Copyright: Martin Kaufhold, Ernst-Göbel-Str. 37a D - 65207 Wiesbaden, 0171 4158942 IBAN DE72 4305 0001 0113 5614 50 BIC WELADED

„American Son“ von Christopher Demos-Brown, spannend am English Theatre Frankfurt.

Schnörkellosen Filmrealismus auf der Bühne kennt das Publikum in Deutschland kaum noch. „American Son“ von Christopher Demos-Brown fällt auf den ersten Blick in genau dieses Raster. In ihrer Einheit von Ort und Zeit und Handlung schreien die knapp hundert Minuten, inszeniert von Jonathan Fox, trotz allem aber Drama.

Dass sich auf einer Polizeiwache gegen fünf Uhr morgens Dramen abspielen können, selbst wenn gerade kein tropisches Gewitter über Miami steht, das als fernes Wetterleuchten beginnt und stetig näher rückt, versteht sich. In „American Son“ dient das als ominöse Folie für das Wiedersehen eines getrennt lebenden schwarz-weißen Ehepaares, das aus Sorge um seinen 18-jährigen Sohn Jamal zur Wache eilt. Etwas Polizei-Offizielles muss mit ihm passiert sein, aber was? Das Warten wird unerträglich. Eine engagierte Themenwahl in statischer Situation, deren knisternde Dynamik nach innen blitzt und donnert, als wär’s ein langer Sean-O’Casey-Einakter.

Die Details sitzen

Charlie Corcoran (Bühne) verleiht dieser Koproduktion mit Kaliforniens Ensemble Theatre Company so viel filmrealistischen Außenschliff, wie auf die Bühne geht: mit sanitär-blauen Mauersteinen, Palmgewächsen und „Police“-Schriftzug vor dem Panoramafenster, dem Siegelwappen des Miami Police Department, einem Aufnahmeschalter mit Tiefenblick ins Archiv, dazu: Wanduhr, Feuerlöscher, Sitzbank, Fahnen, Telefon, Lichtschalter, Steckbriefe, Aktenschränke. Dianne K. Graebners Kostüme sind gut im Detail. So nutzt sie den Spielraum, den Toby Troppers Uniform als (weißer) Cop ihr lässt, um dessen teigig-bürokratische Körperlichkeit und Nettigkeit zu definieren, während Alex A. Morris als (schwarzer) Lieut. Stokes im Detective-Zivil eher Bullen-Härte zeigt. Das Thema: Polizeigewalt und Rassismus. Der Dramatiker ist zugleich Anwalt.

Zwar legt Demos-Brown gerade Stokes den Satz in den Mund, er habe nie so viel Angst wie in schwarzen Ghettos, wo an jeder Ecke Rapsongs zum Copmord aufriefen, doch findet der zentrale Austausch weniger atypischer Positionen zwischen den Eltern statt. Jamison Jones spielt den schlank-blonden FBI-Beamten Scott im sandfarbenen Anzug, Tracey Leigh seine (Ex-)Frau Kendra, die Uniprofessorin im Kleid und Umhang mit Folktouch. In einem Land, das „liberal“ zum Schimpfwort verkommen ließ, während Rechtsradikale mit Ku-Klux-Klan-Gesinnung die Republikaner-Partei gekapert haben und sich „konservativ“ nennen, stehen Scott und Kendra für polarisierte Denkmilieus. Auch ihre Beziehung fiel dem zum Opfer.

Warum konnte Jamal nicht Seamus heißen? Wie naiv ist Scotts Farbenblindheit? Wie kann es sein, dass der weiße FBI-Mann sich folgenlos auf offener Szene Gewalt gegen Polizisten erlaubt, während eine harmlos-unreife Frustreaktion und ein, zwei unverschuldete Kleinigkeiten seinen milchbraunen Vorzeige-Sohn mit elitärer Ausbildung und ohne Vorstrafen zur Zielscheibe machen? So lauten die Fragen von „American Son“. Spannendes Stück, das im jähen Blitzschlag endet.

English Theatre Frankfurt: bis 3. Juni. www.english-theatre.de

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