Blick ins Klassenzimmer des Jungen Deutschen Theaters.
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Blick ins Klassenzimmer des Jungen Deutschen Theaters.

Schule

Ameise sein!

  • Dirk Pilz
    vonDirk Pilz
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Aber was hilft das schon: Das Junge Deutsche Theater bringt den Roman „Klassenbuch“ von John von Düffel anregend zur Uraufführung.

Klar doch, von der Ameise kann unsereins was lernen: Sie denkt schön ordentlich an die Zukunft, sammelt, tut und macht, auf dass sie im Winter nicht darben muss. Und die Grille? Die Grille singt und summt, denkt an kein Morgen und kein Gestern – und steht winters dann dumm und verloren da. Der Witz an dieser berühmten Tierfabel von Jean de la Fontaine ist zwar, dass sich Ameisen und Grillen nicht gegeneinander ausspielen lassen, es beide braucht und sie beide recht haben, aber das muss jede und jeder für sich begreifen. Schwer genug.

Die Elftklässler in John von Düffels im vergangenen Jahr gedruckten Roman „Klassenbuch“ nehmen die Fabel unumwunden persönlich, warum auch nicht. Für Erik ist’s eine Story darüber, dass der Sommer vorbei ist, „die Zeit der Busenblusen, Tanktops und Bikinis“. Für Lenny dagegen ist es eine Parabel auf die Leistungsgesellschaft: „Die Grille ist die Ameise, gemorpht und umgedreht.“ Und es ist eine Geschichte über Gewöhnung. Denn die Sache mit der Grille und der Ameise kommt auf, weil im Schulgemäuer eine Grille zirpt – und Frau Höppner, die Lehrerin, lässt die Klasse eine Schreibaufgabe erledigen, auf dass die Klasse samt und sonders das Grillenzirpen zu überhören lerne. Klappt bestens.

Diese Ameisen-Grillen-Story führt John von Düffel sehr elegant, nämlich nebenher ein. Um so deutlicher besetzt sie das Sinnzentrum des Buches, die Frage danach, wie Jungsein und Zukunftswille in einer Gegenwart geht, die von neoliberalem Selbstverwirklichungsdruck durchdrungen ist. Wer bin ich und warum? 13 Figuren finden 13 verschiedene, nicht auf eine Linie zu bringende Antworten. Und am Ende ist die Lehrerin tot.

Die Grundstruktur des Romans hat Kristo ?agor in seiner mit dem Jungen Deutschen Theater von ihm uraufgeführten Fassung erhalten. Auftritt in der Folge des Alphabets, mal eher lose, mal festere Verknüpfungen der Erzähllinien. Aber wie sich jede einzelne Figur hier das Überfordertsein zu eigen macht! Wie keine auf ihre Privatheit reduziert wird, wie sie zwar sehr verschiedene Sorgen, aber eine gemeinsame Not haben, nämlich nicht zu wissen, wie diesen ihren Sorgen einen Ausdruck zu geben ist und wie sie für diese keine Adressen finden. Kristo ?agor hat ein erstaunliches Ensemble (Tara Helena Weiss!, merken), das ganz auf die Ambivalenzen des Spiels vertraut.

Die Bühne von Anne Ehrlich und Janja Valjarevic ist eine weiße, leicht abschüssige Fläche. Laufsteg und Podium zugleich. Die Übergänge vom Selbstmordversuch zum Gruppensex, von der Verzweiflung zur Euphorie sind damit fließend: das eine spiegelt sich im anderen. Das ergibt ein schön komplexes, dichtes Geflecht. Videos, Piktogramme, chorisches Sprechen, Gesang, Schweigen: dankenswerterweise verzichtet der Abend auf botschaftshafte Eindeutigkeit. Nur die Bebilderungen der Social-Media-Welten mit Bilderrahmen sind albern bis missglückt. Aber das ist im Roman auch so.

Deutsches Theater Berlin,  Kammerspiele: 27. Februar, 16., 19. März.  www.deutschestheater.de

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