Objekt der Begierde: Leandra Enders als Karin.
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Objekt der Begierde: Leandra Enders als Karin.

Theater

Am Hofe Petras

  • vonMarcus Hladek
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Das Staatstheater Mainz eröffnet die Saison mit Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“.

Sofas und Gartenbänke für die Zuschauer im Kleinen Haus bleiben nicht das einzige Privatinterieur des neunzigminütigen Abends. Da Rainer Werner Fassbinders 1971 am Frankfurter „Theater am Turm“ uraufgeführter Fünfakter der Einheit des Orts folgte und auch 1972 in seiner Eigen-Verfilmung dabei blieb, verharrt das Geschehen im Appartement-Atelier der Titelheldin.

Petra von Kant, verkörpert von Anna Steffens, ist eine reiche Modeschöpferin, deren Liebe zur blutjungen Karin (Leandra Enders) lauer erwidert wird, als sie möchte. Hella Prokoph stellt die Mode-Kunstwelt auf einen kniehoch-quadratischen Laufsteg aus schwarzem Pseudo-Stein, der die Bühne von unscharfen Spiegeln flankiert beherrscht. In seiner Mitte: ein quadratisches Becken mit silbernem Duschvorhang, das die Darstellerinnen bespielen werden, als wäre es mit Wasser gefüllt. Stünden nicht schon alle Zeichen auf Künstlichkeit, sorgte der luxuriende Trocken-Pool für Damen in Haute-couture-Bademode dafür. Einmal wabert auch Nebel durchs feministische Boudoir, wo die aufgedonnerten Edeldamen unter gewollt wahllosen Modeschau-Klängen fliederbunt bis violett in Trancegewändern einherstöckeln oder sich vor schwarzen Ballons Schrumpfkopf-Vibratoren schenken. Am Hofe Petra tänzelt alles, freezt in Posen, zischelt, deklamiert und schlägt Schaum, sofern die Sekt-sauferei Zeit dazu lässt.

Die Mainzer Szenerie ist eleganter und universeller als im Film, dessen Enge und Fachwerk sie aufhebt. Männer kamen im Film für sechs Schauspielerinnen nur nackt an der Wand vor, in Poussins Gemälde „Midas und Bacchus“: ein Flair von Reichtum, Alkohol und mythischer Gewalt. Dass sein Frauenfilm den Frauen missfiel, führte der Filmer auf die Ehrlichkeit seiner Diagnose zurück: „Frauen sind interessanter, denn auf der einen Seite sind sie unterdrückt, aber andererseits sind sie es nicht wirklich, weil sie diese ‚Unterdrückung‘ als Terrorinstrument benutzen.“

Sexuelle Nötigung

Ein ähnliches Verhältnis zeichnet sein Stück zwischen der Modemacherin, die sich so biestig gegen Mutter (Iris Atzwanger als Valerie) wie Tochter (Gabriele: Sarah Lamesch) verhält und seit Jahren ihre Helferin Marlene demütigt, und Karin aus. Petra nötigt Karin, die von ihr Abhängige, in eine sexuelle Beziehung, bis sich Karin, eigentlich hetero, von ihr löst. Petras „bittere Tränen“ zeigen die späte Annahme dessen: ein Werk über Einsamkeit und Liebe als Fetisch also.

Regisseurin Pauline Beaulieu und die Darstellerinnen (zu ergänzen: Catherine Janke als Marlene, Kristina Gorjanowa als Sidonie) verleihen der Koproduktion mit dem Theater Luxemburg endlose Nuancen unbefriedigten Begehrens und Sichverfehlens. Karin fehlen die Männer und das Partymachen, Petra die wahre Liebe, Gabriele die Mutter, der passiv-stummen Marlene Petras Achtung und so fort: ein Reigen emotionaler Hypovitaminosen, der auf dem eckigen Laufsteg rumpelnd kreist und kreißt.

Für Britta Leonhardt erfüllt sich wohl ein Kostümieren-Traum, den sie mit ständigen Perückenwechseln an die 1970er zurückbindet. Schöner Saisonstart. (Von Marcus Hladek)

Staatstheater Mainz: 21. September. www.staatstheater-mainz.com

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