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Das Schicksal wirft seine Schatten voraus, wenn der König (Edgar Selge) seine Tochter Cordelia (Lina Beckmann) verstößt.

Theater

Alte weiße Männer

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Schwankender König in einer wankenden Welt: Edgar Selge brilliert als Lear am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Sein grauer Anzug ist dem grauen Mann zu groß geworden. Tief gebeugt, auf Beinen, die ihm nur noch widerwillig zu gehorchen scheinen, tastet sich der Mann langsam, sehr langsam die Wand entlang. Setzt seine Füße so vorsichtig auf, als sei ihm der Boden, über den er seine Schritte lenkt, fremd geworden. Braucht die Hand an der Wand, um sich zu vergewissern. Dabei ist es doch eigentlich sein Reich, er ist der König, noch jedenfalls.

Mit Shakespeares „König Lear“, inszeniert von Intendantin Karin Beier, hat am Freitag die Spielzeit am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg begonnen, später als üblich, weil in den vergangenen fünf Monaten saniert werden musste, den Rängen des neobarocken Prachtbaus war die Statik abhanden gekommen. Und irgendwie ist das bei diesem Lear, der, glänzend verkörpert von Edgar Selge, in der Auftaktszene wortlos nach Orientierung sucht, gar nicht so viel anders: Wir sehen einen Mann, der instabil geworden ist. Der nicht mehr passt zu der Welt um ihn herum. Nur dass seine ins Wanken geratene Ordnung niemand mehr reparieren wird. Oder das auch nur will.

Karin Beier hat schon einmal eine Spielzeit mit „König Lear“ eröffnet, 2009 in Köln war das. Damals besetzte sie alle Rollen mit Frauen. Und für die Verflüssigung von Geschlechtergrenzen interessiert sie sich auch diesmal. Wenn Edmund, unehelicher Sohn des Grafen von Gloucester (Ernst Stölzner), jenem anderen alten weißen Mann, dessen Macht und Autorität in diesem Doppelfamiliendrama kläglich verdampft, die „Pest der Konvention“ beklagt, dann meint er hier nicht nur seine Zurücksetzung gegenüber dem ordnungsgemäß gezeugten Stiefbruder Edgar. Dann schimpft er – in einer von vielen Ergänzungen des von Rainer Iwersen ohnehin schon recht modern übersetzten Originaltexts – auch auf den leidigen „Binarismus“ der Geschlechter.

Sandra Gerling ist dieser Edmund, zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit ebenso die Balance haltend wie zwischen Freiheitsdrang und purer Bosheit. Und auch Lears Töchter Goneril und Regan sind solche Gender-Revoluzzer/Revoluzzerinnen, von Carlo Ljubek und Samuel Weiss gegeben als dreitagebärtige Diven in wallenden Roben – durchaus, wie die gesamte Inszenierung, mit Mut zur kleinen Albernheit, doch frei von allem Lächerlichen. Ihre Ehemänner fielen dem Rotstift zum Opfer, es braucht sie nicht mehr.

König Lear als konservative Gesellschaftskritik

Die Liebesprobe, der Lear seine Töchter unterzieht, um sein Reich unter ihnen aufzuteilen, treiben Goneril und Regan mit einem Sangeswettstreit auf die absurde Spitze, laut und schrill. Der Moment, der bei Shakespeare die apokalyptische Abwärtsspirale aus Gier, Neid und Mord in Gang setzt, kommt dagegen leise und fast beiläufig: Ganz sachlich verstößt der König seine Lieblingstochter Cordelia (Lina Beckmann), weil sie sich dem Schmeichelwettbewerb verweigert, sie nimmt es achselzuckend zur Kenntnis. Zack, fertig. Es kann ja bekanntlich auch ein Schmetterling einen Orkan auslösen.

Die Wand, an der sich Edgar Selges Lear eingangs und auch später immer wieder entlang tastet, der Boden unter seinen Füßen, der ihm ständig weniger Halt zu geben scheint, bis aus dem mächtigen König ein nackter Zausel geworden ist, der sich dem Wahnsinn anheim gibt: Sie gehören zu einem leicht ansteigenden weißen Kasten, den Johannes Schütz auf die Bühne gestellt hat, ohne Eingänge, so dass nur von vorne, aus der ersten Reihe des Parketts aufgetreten werden kann, fast ohne Requisiten und so scharf beleuchtet, dass sich die Handlung als Schattenspiel auf der Rückwand wiederholt.

Man könnte diesen „König Lear“ als, vorsichtig gesagt, konservative Gesellschaftskritik lesen: Seht her, was passiert, wenn die überkommenen Regeln nicht mehr gelten sollen! Die Jungen, die hier die Alten unters Joch zwingen, erscheinen als die fleischgewordenen Schreckbilder all jener, die in unserer immer unübersichtlicher werdenden Gegenwart wenigstens die alte Ordnung der Geschlechter in Stein meißeln wollen.

Doch so sehr der Umsturz der Jugend schließlich in Tod und Chaos und Barbarei mündet, er lässt sich trotzdem nachvollziehen. Und am Ende wird Edgar (Jan-Peter Kampwirth), der vermeintlich Verrückte, der als einer der wenigen diese Revolution überlebt hat, ein flammendes Plädoyer für die Befreiung des Individuums halten: „Weg mit Heimat, her mit den nackten Ärschen des Menschseins“, ruft er. „Tanzt, tanzt, tanzt!“

Karin Beier möchte lieber Fragen aufwerfen als Antworten geben, das ist zugleich Stärke und Schwäche dieser gut dreistündigen Inszenierung. In ihrem Ringen um Uneindeutigkeit lässt es die Regisseurin gelegentlich etwas sehr spektakeln: Und noch eine Idee, und noch ein Einfall. Das wird irgendwann anstrengend. Es gebiert aber auch Theaterperlen wie die rührende Symbiose zwischen Lear und seinem Narren, der, wie Cordelia von Lina Beckmann grandios gespielt, zur Fortsetzung der Lieblingstochter mit anderen Mitteln gerät. Ungelenk, mit ruckartig zuckendem Kopf, unablässig grimassierend, die Augen aufreißend und zukneifend, eine Irre. Doch ihrem Munkel, wie sie den König nennt, zärtlich zugetan.

Wenn sie trotzig und hoffnungslos gegen den Untergang ansingt, „What a wonderful world“ mit hauchdünner Stimme, allein auf der Bühne, dann berührt das tief im Innersten. Oder man hat kein Herz.

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