Ein leerer Römer ...
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Ein leerer Römer ...

andpartnersincrime

Als Frankfurt keinen Römer mehr brauchte

  • vonStefan Michalzik
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Die Gruppe andpartnersincrime und ihr Stück vom Ende der Versammlung.

Der Römer ist einsturzgefährdet. Lange schon steht das einstige Frankfurter Rathaus leer. Es ist das Spiel mit dem Blick aus der Zukunft zurück auf unsere Zeit, das sich das Frankfurter Performance-Ensemble andpartners-incrime um die Autorenregisseurin Eleonora Herder für sein Stück „Das Parlament. Nach dem Ende der Versammlung II“ wiederholt zu eigen macht. Geschickt nutzt es die Möglichkeiten der Videokonferenztechnik. Mit Aufführungen im Theater, in diesem Fall wäre es der Mousonturm gewesen, ist es nichts mehr. Die Menschen im Jahr 2020, so Moderatorin Shahrzad Osterer, hätten noch geglaubt, dass es sich um einen vorübergehenden Zustand handle.

Es ist nur noch ein virtueller Rundgang durch den Römer möglich, gespeist vorwiegend durch Fotografien aus einem „Archiv der Gegenwart“ am Historischen Museum. An dem Gebäudekomplex, kommentiert Osterer, ist einzig der Ratskeller noch original erhalten. Der Nachkriegszustand geht wesentlich auf den Architekten Otto Apel zurück – der auch die im Jahr 2023 abgerissene Theaterdoppelanlage und das Studierendenhaus mit dem KOZ an der alten Uni gebaut hat. Ein Architekt der Versammlung also.

Es gibt Materialbröckchen in Fülle. Zitiert wird etwa Francis Fukuyama, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Zeichen des Siegs der liberalen Demokratie „Das Ende der Geschichte“ ausrief und die Ära der Alternativlosigkeit eingeleitet habe, derweil zehn Jahre später mit Putin die Welle der Demokratisierung gestoppt wurde. Ausgehend von einer Freske um die Weinlese werden „O-Töne“ von arbeitslos gewordenen Künstlerinnen und Künstlern eingespielt, die nun im Weinberg Erfüllung zu finden scheinen. Wenn sich politische Proteste – Stichwort Blockupy – nicht vor dem Rathaus abspielen, sondern vor den Banken: Was sagt das über den Zustand der Demokratie aus?

Die Populisten, die im Zuge der Pandemie verstärkt in die Parlamente eingezogen sind, haben ein Bild von der Politik als Farce gezeichnet – was insoweit einen wahren Kern hat, als Politik Theater ist. Der Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler wie auch Matthias Pees, Intendant des Mousonturms – hier beide bereits als Pensionäre –, haben Auftritte, die im ironiefernen Referieren der Sachverhalte aus alter Zeit selbst-schauspielerisch stark sind.

Das ungeachtet der technisch rohen Bildästhetik sorgfältig gearbeitete Stück ist intellektuell anregend und amüsant. Aus den Materialbröckchen werden interessante Zusammenhänge entwickelt.

Mousonturm online: Tickets für den Zoom-Link gibt es bis Sonntag unter www.mousonturm.de

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