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Agamemnon, Klytämnestra, Jung-Orest und Iphigenie in der "Orestie".

Schauspiel Stuttgart

Die Alpträume liebevoller Familien

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Burkhard Kosminski eröffnet mit Wajdi Mouawads "Vögel" und "Orestie" die Saison am Schauspiel Stuttgart.

Die Kernfamilie, dieses vertraute und doch so unheimliche Gebilde, ist Freude und Heimsuchung für praktisch jedes Mitglied einer westlichen Gesellschaft und darüber hinaus. Und wem sie fehlt, dem drängt sie sich auf, weil sie nicht da ist. Und wem sie auf die Nerven geht, dem rückt sie von nebenan aus zu Leibe. Auch das westliche Theater wäre ohne sie in der seit 2500 Jahren überlieferten Form nicht vorhanden. Denn wovon würde es erzählen und wie viele Stücke blieben übrig seit Aischylos’ „Persern“, in dessen Kern ein König und seine Eltern hocken?

Obwohl es so ist, ist es imposant, mit welchem Aufwand das Stuttgarter Schauspiel am Wochenende mit zwei aufwendigen Familienstücken, Kernfamilienstücken, seine Saison eröffnet hat. Recht spät, aber ambitioniert stellt der aus dem nahen Mannheim kommende Intendant Burkhard C. Kosminski damit die ersten Früchte seiner Arbeit an neuer Stätte vor. Zuerst eine höchst gegenwärtige Nahostkonstellation in der deutschsprachigen Erstaufführung von Wajdi Mouawads erst 2017 in Paris uraufgeführtem Stück „Vögel“, in Stuttgart inszeniert von Kosminski selbst. Als es in Richtung Auflösung geht, kann man an „Nathan der Weise“ denken: Womöglich gehört man genau zu denen, die man hasst. Einen Abend später eine ebenfalls auf Vergegenwärtigung setzende Überschreibung von Aischylos’ „Orestie“ durch den englischen Theatermacher Robert Icke. Die in Großbritannien sehr erfolgreiche Produktion von 2015 wurde von Icke selbst erneut produziert.

Kontrast zu Vorgänger Armin Petras

Das Doppel ist eine klare Setzung, nicht nur weil beide Abende jeweils gut beziehungsweise mehr als dreieinhalb Stunden dauern (Theater will Zeit und soll sie haben). Kosminski weiß Texte zu schätzen und ist seinerseits ein geschätzter Ur- und Erstaufführungsregisseur (2019 zeigt er bei den Salzburger Festspielen das neue Stück von Theresia Walser). Der Kontrast zu seinem Vorgänger in Stuttgart, Armin Petras, und dessen tollkühn bildmächtigen, aber auch mächtig in sich versponnenen Abenden ist markant und sicher gewünscht.

Freilich braucht es dafür starke Texte, gute Geschichten. Die Schwächen der beiden spannenden und unterhaltenden Abende liegen hier, nicht in den Regiearbeiten, nicht in den Leistungen des Ensembles, das sich mit Haut und Haar auf zeitgenössische Konversationsstücksituationen einlässt und erhebliche Textmassen engagiert in Bewegung setzt.

Mit „Vögel“ öffnet sich das Schauspiel Stuttgart zudem der Welt (und der deutschen Gegenwart). Vier Sprachen sind im Spiel (und Deutsch ist nicht die wichtigste dabei) und zwar so, dass jeder Beteiligte seine Muttersprache verwenden kann. Teils war das aus der neuen Truppe zu besetzen, teils wurden Gäste aus Israel engagiert. Die Proben müssen ein schönes Babylon gewesen sein, auf der Bühne entsteht aber nun eine intensive und einleuchtende Authentizität. Hinter den Figuren kann das Publikum auf Deutsch alles mitlesen, sofern keine Figur die Sicht versperrt. Ging gut, war die Sache wert.

Eitan, Martin Bruchmann, lernt Wahida, Amina Merai, kennen. Eitan ist Berliner und Jude, Wahida ist Amerikanerin und Muslima. Beide denken, nur die Liebe zähle. Das Befremden von Eitans Eltern, Itay Tiran und Silke Bodenbender als eigentlich fabelhaft modernes, aufgeklärtes, liebevolles Paar, ist aber nur der Anfang. Wirklich schwierig gestaltet es sich, als Eitan auf einer gemeinsamen Israelreise bei einem Bombenattentat schwer verletzt wird, die Eltern nachreisen und die Familiengeheimnisse der Großeltern zutage treten. Hinzu kommt, dass Wahida in einer ein wenig überraschenden Volte ihre arabischen Wurzeln entdeckt.

Kosminski bringt das zunächst wunderbar zum Laufen, auch mithilfe von Florian Ettis karg eingerichteter, weißer Drehbühne unter weißen Papierbahnen als Raumteilern. Das ist ein Labor, in dem zügige Szenen-, Orts- und Zeitwechsel möglich sind. Rückblenden rollen heran und wieder fort, während andere Figuren ihnen zuschauen können. Dov Glickman und Evgenia Dodina als Großelternpaar beleben das Ganze mit Humor (er) und Sarkasmus (sie). Dass der aus dem Libanon stammende frankokanadische Autor Mouawad seine Figuren (nach französischer Tradition) ziemlich viel deklamieren und poetisieren lässt, fällt im Getümmel erst gegen Ende auf. Die Enthüllung und ihre Folgen, dazu Wahidas Selbstfindungsprozess: Waren zunächst Menschen zu sehen – etwa, in der womöglich schönsten Szene, beim ungemein plastisch gestalteten Familiengezacker während des gemeinsamen Pessachfestessens –, werden sie nun zu Typen. Mouawads weitschweifende Gedanken belasten sie nun zu sehr, um noch lebendig zu wirken. Zudem kann je nach Perspektive der Eindruck entstehen, dass Mouawad – und Kosminski geduldig mit ihm – Türen einläuft, die weit offen stehen. Ja, Identität ist schwierig, Hass ist schlimm, Liebe ist rar, Wurzeln sind nicht wegzuleugnen. Nun dauert es aber noch eine ganze Weile.

Bizarr, dass Robert Ickes „Orestie“ auf ein ähnliches Problem hinausläuft, sogar schon früher und viel deutlicher unter den überbordenden Zusatzeinfällen des Bearbeiters einknickt. Auch hier fängt es vielversprechend an, unter umgekehrten Vorzeichen: Spannend, gerade weil man weiß, worauf es hinausläuft. Das behäbigere Bühnenbild von Ausstatterin Hildegard Bechtler zeigt vorne einen Saal zwischen alten Mauern, hinter einer schweren Glasschiebetür steht die nachher handlungsrelevante Badewanne. 

Die Atriden in der Generation Agamemnon bilden eine ebenfalls sympathische, liebevolle und verkopfte Familie. Klytämnestra, Sylvana Krappatsch, hält dem Politiker, Matthias Leja, den Rücken frei. Er macht es sich nicht leicht mit der Ermordung („Opferung“) seiner Tochter Iphigenie. Interessiert hier noch der komplizierte Vorgang einer schmerzlosen Tötung und mündet in einer schauerlich friedlichen Szene, zeigt sich nach der ersten Pause, dass Icke zu sehr ins Konstruieren gekommen ist. Mit theoretischem Ballast muss sich Klytämnestra Richtung Gattenmord voranreden. Vollends zur Kopfgeburt wird es nach der zweiten Pause. Orest, Peer Oscar Musinowski, der von Anbeginn an in der Sitzung bei einer Therapeutin, Marietta Meguid, die (uns allen weidlich bekannten) Vorfälle rekonstruieren soll, befindet sich auf einmal in einer zähflüssigen Gerichtsverhandlung. Auch stellt sich als Clou heraus, dass Elektra, Anne-Marie Lux, nicht existiert. Aber angesichts ihrer lebhaft ausgefüllten, jedoch nicht relevanten Rolle vermittelt das gar kein Mehr an Sinn, kompliziert bloß einen schrecklich geradlinigen Vorgang.

Für beide Pausen werden übrigens die Minuten von Apollons Priester Kalchas, Paula Skorupa, genau vorgegeben und vom Personal knallhart eingehalten, aber nicht vom in dieser Frage mal ganz gemütlichen Publikum. Das Wirrwarr in den Sekunden nach dem Erlöschen des Saallichts war amüsant, aber nicht weiterführend. Die Straffheit, die Formalitäten: Behauptung. Das Leiden der Menschen (und das gilt für beide Abende): Nahe der Pose, wenn der Text permanent erklären muss, was sich nicht von selbst ergibt.

Ein zwiespältiger Start. Weder die Schwächen der „Vögel“ noch das zähe Vorankommen der „Orestie“ täuschen aber darüber hinweg, dass der Raum für große Theaterspiele bereitet ist, für Unvorhersehbares, für publikumszugewandte Wagnisse. Mal sehen.

Schauspiel Stuttgart: „Vögel“ am 6., 7., 20., 21. Dezember. „Orestie“ am 25. November, 1., 8., 22. Dezember. www.schauspiel-stuttgart.de

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