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Leichtfüßigkeit ohne Leichtgewichtigkeit: Szene aus „Common Ground“.

Tanz

Alonzo King Lines Ballet: Und ein Maß Seltsamkeit

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Ein großartiger Tanzabend mit dem Alonzo King Lines Ballet im Staatstheaer Wiesbaden.

Manchmal zeigt die Tanzkunst ihre ganz eigene Qualität: Dass sie nämlich gleichzeitig erzählen kann und gar nicht erzählen muss, dass sie von Bedeutung gänzlich unbelastet sein kann, ohne doch den Eindruck eines Leichtgewichts zu machen. Wie eine Infusion kann sie direkt in die Blutbahn gehen, Stimmungen übertragen.

So war es jetzt bei zwei Stücken des Alonzo King Lines Ballet, choreografiert vom Namensgeber und künstlerischen Leiter, der die Lines im Companynamen, die „Linien“ laut Eigenauskunft auf alles bezogen haben will, was in dieser Welt sichtbar ist. Dazu kann er allemal seine Werke zählen, die auf der einen Seite ganz klare Strukturen, gleichsam also Linien in den Raum einschreiben, in die auf der anderen ein schönes Maß an Seltsamkeit eingearbeitet ist, unerwartete Umwege, Haken, Ösen, Schnörkel.

Das Alonzo King Lines Ballet war jetzt an zwei Abenden in Wiesbaden zu Gast, im Großen Haus des Staatstheaters. Ein Ensemble aus elf hinreißenden Tänzerinnen und Tänzern tanzte zwei Stücke für jeweils zehn Akteure, das 25-minütige „Händel“ – zu Musik(ausschnitten) von Georg Friedrich Händel, wie man sich denken kann; und das 45-minütige „Common Ground“, das eine „Ode an San Francisco“ sein soll, Heimat der Company. Aber im Grunde ist es völlig egal, ob man als Zuschauerin dabei die amerikanische Stadt assoziiert (eher nicht).

Gar nicht egal ist auch hier der Beitrag der Musik. Denn die unaufgeregt abschnurrende, aber dichte Choreografie wird begleitet vom Kronos Quartet. Zwar nicht live, doch hat das berühmte Quartett arrangiert und eingespielt, was Teilnehmer seines Nachwuchs-Projekts „Fifty for the Future“ komponiert haben. Diese Musik hat Kraft und Zartheit, ist mal schroff, mal melancholisch-melodiös, nutzt den Korpus der Streichinstrumente offenbar auch für Percussion.

„Händel“ bringt vier Tänzerinnen auf Spitzenschuhen und sechs Tänzer wie hingetupft, wie hereingeweht auf die leere Bühne; doch jede Bewegung hebt sich präzise vom Hintergrund ab. Eine Tänzerin trägt ein perlmuttschimmerndes Tutu, ein Tänzer auch mal nur ein knappes Höschen, bei anderen weht ein Hauch von Gehrock (Kostüme: Robert Rosenwasser). Man findet sich zu Duos, man stellt auch mal kurze, nervöse Soli in den Raum, formiert sich wie von selbst zum Unisono. Neoklassik wird originell aufgebrochen. Eine Tänzerin steht auch mal da wie eine schiefe Giraffe, zwei Tänzer kriechen und winden sich herein, bis sie plötzlich wieder die Eleganz selbst sind. Nichts dauert lange bei Alonzo Kings Stücken, nichts wird überstrapaziert. Stilelemente werden ineinander gemischt, es wirkt jedoch stets organisch.

Auch „Common Ground“ kann man als reinen Tanz betrachten, als eine Choreografie, die man nicht deuten muss. Alles fließt hier, greift ineinander, das Rein und Raus der Tänzer – diesmal in luftigem Weiß – scheint zufällig, die Dramaturgie wie gewachsen. Und dann sind da immer wieder Widerhaken, manchmal meint man sogar einen kleinen, freilich nie groben Bewegungs-Witz zu entdecken. Und dann wieder Schönheit, Harmonie.

Der Tanzschöpfer Alonzo King, geboren 1952 in Albany, darf sich unter vielen anderen Ehrungen „Master of African American Choreography“ nennen. Aber die beiden in Wiesbaden gezeigten Stücke zeigen: So eine exzellente Choreografie – nämlich eine, die wie nebenbei und ohne sichtbare Anstrengung doch Dinge über den Menschen mitteilt – ist geprägt durch eine universale Körpersprache und hat nichts mit Hautfarbe zu tun. Vielmehr mit Herrn Kings einfach umwerfendem Gespür für Tanz.

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