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Unterwegs: Nora Solcher, hinten:Vanessa Bärtsch.

Schauspiel Frankfurt

Almanya, ich hab noch Hoffnung

  • vonAndrea Pollmeier
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„Deutschland 2020. Ein Wintermärchen“ am Schauspiel Frankfurt.

Die Hygieneauflagen wirken im Theater gelegentlich überraschend inspirierend. Statt räumlicher Enge hat Regisseurin Regina Wenig die Weite gewählt, um „Deutschland 2020. Ein Wintermärchen“ zu inszenieren, eine mit der Gegenwart parallel geführte Bearbeitung von Heinrich Heines kritischer Ballade. Das Publikum nimmt entsprechend nicht – wie der Theaterplan vermuten lässt – in der Box Platz, dem kleinsten Raum für Inszenierungen am Schauspiel Frankfurt, sondern steigt zunächst noch einige Stufen höher, um von der Wartehalle aus Richtung Grünanlage zu schauen.

Reisende aus anderen Zeiten

Dort sieht man zunächst nur normales Treiben. Bis dann doch zwei Gestalten erkennbar werden, die einen altertümlichen Umhang und einen ebenso antiquarisch wirkenden Koffer tragen (Kostüme: Marielle Sokoll). Die Reisenden scheinen aus der Zeit gefallen, eilen die Schauspieltreppen hinauf und beginnen zu sprechen. Die eine zunächst im Duktus Heinrich Heines (Vanessa Bärtsch), die andere (Nora Solcher) in der Sprache der Gegenwart, später wechseln diese Zuordnungen.

Geschickt hat Regina Wenig Auszüge aus Heines Versepos „Ein Wintermärchen“, in dem dieser nach 13 Jahren Exil über seine Rückkehr 1843 aus Paris berichtet, mit Zitaten aus Gesprächen von Zeitgenossen zusammengeführt. Während Heine von seiner Rückreise aus Frankreich berichtet und über Begegnungen am Rhein oder in Köln, Mülheim, Unna und Hamburg erzählt, spiegeln zeitgenössische, dokumentarische Texte, die auf Recherchen in Frankfurt und Hanau basieren, historische Ereignisse und die heutige Zeit. Gräuel des Zweiten Weltkriegs und der Gegenwart rücken so in den Blick.

Bittere Kontinuitäten

Im dialogischen Hin und Her, das von Vanessa Bärtsch und Nora Solcher, die beide Mitglieder des Studiojahrs Schauspiel sind, souverän realisiert wird, tritt die Jahrhunderte überdauernde Kontinuität von Militarismus und Nationalismus deutlich hervor. Vor diesem Hintergrund wirkt das Zitat von Seda Ardal, die nach den Anschlägen in Hanau die Initiative „19. Februar“ gegründet hat, besonders bedrückend: „Almanya, ich hab noch Hoffnung. Ich glaube, ich und die nächste Generation werden es vielleicht nicht mehr mitkriegen, aber vielleicht in ein paar hundert Jahren?“.

Tamara Ikharev und Jonatan Avadov, aktive Mitglieder des Jugendzentrums Amichai der jüdischen Gemeinde, werden im Stück ebenfalls zitiert. In ihren Statements beschreiben sie das Leben jüdischer Jugendlicher in Frankfurt: „Die Angst ist da“. Je nachdem, ob sie sich in Frankfurt oder etwa Sachsen bewegen, seien jedoch die Extremistenkreise, von denen Gewalt drohe, verschieden.

Regina Wenig ist ein interessantes Projekt gelungen, das zeigt, wie nachhaltig nationalistische und ausgrenzende Denkmuster gesellschaftliches Leben durchdringen. Marius Baumgartner (Bühne) hat dieses Wissen in Videosprache übertragen und am Ende die Schattenrisse beider Akteurinnen kunstvoll verwoben.

Schauspiel Frankfurt: 27. September, 13. Oktober. www.schauspielfrankfurt.de

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