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Auf der Alm, da gibt’s so allerhand

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Die Situation ist verwirrend, aber es kann dem „Weißen Rössl“ nur bekommen.
Die Situation ist verwirrend, aber es kann dem „Weißen Rössl“ nur bekommen. © Martina Pipprich

Ralph Benatzkys „Im Weißen Rössl“ mit Aufwand, Einfällen und Liebe zum Detail am Staatstheater Mainz.

Das „Weiße Rössl“ hat viele Köche. Der Chef ist der Komponist Ralph Benatzky, so dass der Brei nicht verdorben wurde, aber doch ein buntes Teil ergab: mehr Schlagerrevue – und sie enthält nicht bloß Lieblingsschlager – als Operette, auch wenn zur Hebung des Niveaus „Singspiel“ darübersteht.

Wem bei alledem bieder ums Herz wird und dieses Gefühl nicht angenehm ist, der könnte es jetzt einmal mit der Mainzer Lesart von Peter Jordan und Leonhard Koppelmann versuchen. Das Regie-Duo führt zusammen mit dem Choreografen Harald Kratochwil die „Wenn schon, denn schon“-Devise der Unterhaltungskunst einmal ernsthaft zu Ende und kommt zu einer durchgeknallten Kombination aus Seppel-Späßen und höchst schmucker Revue, durchschossen von einem fundamental sinnlosen Thriller zwischen James Bond und Drittem Mann.

Es regiert die Albernheit, aber keine, deren Gestalter es sich einfach machen, wie es in Dutzenden Beiträgen zum heiteren Musikanteil an deutschen Staatstheatern geschieht, sondern jene, die schlau überlegt und ordentlich geübt sein muss.

Das Salzkammergut ist ein Bilderbogen von Christoph Schubiger, der es in sich hat. Im sommergrünen Gebirg’ geht hier und da eine Klappe auf, hinter der sich wohl, wie soll man sagen, der KGB eingenistet hat. Er hat auch vorerst die Kontrolle über die kleine Balletttruppe, die sich des Problems aber entledigen wird. Vorne schwippert der See mithilfe einer Projektion vor sich hin. Sigismund Sülzheimer wird aus ihm auftauchen, auch eine Agentin. Die Situation ist verwirrend, aber es kann dem „Weißen Rössl“ nur bekommen.

Sülzheimer ist jener Sigismund, der auch nichts dafür kann, dass er so schön ist. Daniel Friedl schont nicht sich noch uns, wenn er seinen adretten Körper sozusagen in den Ring wirft. Ihm zur Seite bald die nette Tochter (Alexandra Samouilidou) eines Feuerzangenbowlen-Gelehrten.

Ebenfalls am Ort, damit es nicht zu einfach wird: Der Berliner Trikotagen-Konkurrent Wilhelm Giesecke, mit dem sich Sülzheimer Senior einen langatmigen Prozess liefert. Clemens Dönicke ist ein sagenhafter Preuße, rund, laut und luftverdrängerisch. Zwanglos dichtet ihm die Regie eine Nazigeschichte an. Auch in der Kunst der Dosierung bewährt sich die Inszenierung. Zu Giesecke gehört eine fesche Tochter, Dorin Rahardja. Es wäre einerseits günstig, wenn sie Gefallen am schönen Sigismund finden könnte. Andererseits kommt jetzt noch Dr. Siedler in St. Wolfgang an, Alexander Spemann als Tenormacht, Sülzheimerischer Anwalt und Hoffnung der Rössl-Wirtin, Anika Baumann, die wiederum von ihrem Zahlkellner, Rüdiger Hauffe, doll geliebt wird. Langsam wird man sich daran erinnern, wo Peter Alexander ins Spiel kam und wieso „Im Weißen Rössl“ fidel und blöde zugleich ist.

Beidem kommen die Mainzer mit Schwung entgegen: In extradirndeligen, dazwischen aber auch aus völlig anderen Revuewelten stammenden Kostümen von Barbara Aigner wird groß aufgefahren, professionell getanzt, detailliert gezappelt. Auch der Chor weiß sich zu bewegen. Ein Fall von Ausstattungstheater (Revuen sind so, müssen so sein), aber vor allem ein Beispiel dafür, dass das Banale auf der Bühne pfleglich behandelt werden möchte. Der Kaiser in Person des Kammersängers Hans-Otto Weiß hat einen würdevollen Auftritt als Mensch und Monarch. So federleicht kann der mal schlappe, mal hyperaktive Geist der Geschichte durch einen reinen Quatsch wehen.

Im Graben dirigiert Paul-Johannes Kirschner und spielt gelegentlich mit. Er kann sogar singen, etwas. Gesungen wird ansonsten mit etlichen Mikrofonen und manchen Kompromissen – Spemann macht keinen! –, aber Benatzky ist nicht Lehár.

Staatstheater Mainz: 29. November, 3., 5., 12., 17., 25., 31. Dezember. www.staatstheater-mainz.com

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