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Hinterm Vorhang lauert immer auch eine Baustelle.

Intendantenwechsel

Die Allmächtigen

Mal wieder aus aktuellem Anlass: zur Unsitte der Ensemble-Auflösung beim Intendantenwechsel.

Von Ulrich Seidler

Auch im neuen Jahr stehen Intendantenwechsel bevor: An der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, am Berliner Ensemble, damit einhergehend am Schauspiel Frankfurt und damit einhergehend am Schauspielhaus Bochum, wo eine Interimsspielzeit bevorsteht, wenn Anselm Weber nach Frankfurt wechselt. Worüber bei allem Streit weithin Einigkeit herrscht, ist der Brauch, dass mit Intendantenwechseln üblicherweise die bestehenden Ensembles aufgelöst werden. Die Schauspieler verlieren ihre künstlerische Heimat – wenn sie Glück haben, können sie mit dem Intendanten mitziehen. Das ist in Berlin nicht der Fall, da sowohl Claus Peymann (BE) als auch Frank Castorf (Volksbühne) kein anderes Theater leiten werden.

Es gehört zum Berufsbild des Schauspielers, dass seine soziale und berufliche Existenz der künstlerischen Entfaltungsfreiheit des Intendanten untergeordnet ist. Oft ist dies auch von Schauspielern so gewollt. Sie möchten nicht gebunden und von einem Theater absorbiert werden – sie wollen mit anderen Regisseuren arbeiten, an anderen Häusern gesehen werden, ihren Marktwert bei Film- und Fernsehen aufbessern. Auch der Anspruch, andere performative Kunstformen anzubieten oder die Genregrenzen zur bildenden Kunst, zur Musik, zum Tanz zu erweitern, schlägt sich in den Stellenplänen der Schauspielensembles nieder.

Damit wird der traditionelle Ensemble-Gedanke immer mehr perforiert. Die Vielfalt des deutschsprachigen Theaters – sie wird im Frühling für die Unesco-Liste des immateriellen Weltkulturerbes vorgeschlagen – mag sich der kleinstaatlichen Struktur Deutschlands im 17. und 18. Jahrhundert verdanken; mit Leben erfüllt wurde diese Struktur durch die Ensembles. Sie sind das Herzstück des Theaters. Im Ensemble lernen die Schauspieler einander über einen längeren Zeitraum hinweg bei den Proben, bei Erfolgen und Misserfolgen kennen, sie sammeln gemeinsame Erfahrungen mit Regisseuren und ihrem regional verankerten Publikum, sie können ihre Spielweise verfeinern, müssen die künstlerische Suche nicht bei jeder Arbeit am Nullpunkt beginnen.

Die Flüchtigkeit des Theaters findet eine vorübergehende Bleibe in dem lebendigen Miteinander des künstlerischen Kollektivs. Beim Orchester, in dem sich die einzelnen Musiker zum Klangkörper formieren, ist das von viel offensichtlicherer Selbstverständlichkeit. Kein Chefdirigent würde auf die Idee kommen, die eingespielten Musiker auszutauschen, wenn er ein Orchester übernimmt.

Was wäre, wenn sich die Schauspiel-Ensembles an den Orchestern orientierten. Orchestermusiker werden nicht nur besser bezahlt, sie haben auch mehr Rechte, manche Orchester wie die Berliner Philharmoniker dürfen sogar ihren Leiter selbst bestimmen. Der Intendantenwechsel an der Berliner Staatsoper, der auch 2017 ansteht, geht ganz anders vonstatten als an den Sprechtheatern: Der neue Intendant wird über zwei Jahre von seinem Vorgänger eingearbeitet, er lernt das Ensemble kennen und die am Hause üblichen Vorgangsweisen, bevor er selbst Verantwortung übernimmt.

Ist das im Schauspiel undenkbar? Wenn Oliver Reese, derzeit noch Intendant in Frankfurt, das Berliner Ensemble übernimmt, löst er das bestehende Ensemble auf und besetzt die Stellen mit Schauspielern seiner Wahl – etliche wird er aus Frankfurt mitbringen. Aber hätte man nicht auch ein paar engagierte Peymann-Spieler behalten können? Der inzwischen abgewählte Kulturstaatssekretär Tim Renner gab Reese auf wenig hilfreiche Weise Rückendeckung, indem er davon sprach, dass man das BE nach Peymann „ausräuchern“ müsse. Eine Metaphorik aus der Schädlingsbekämpfung.

Ulrich Khuon hat 2009 bei seinem Antritt am Deutschen Theater Berlin versucht, ein Ensemble aus den dort arbeitenden und seinen vom Hamburger Thalia-Theater mitgebrachten Schauspielern zu bilden – er wollte allerdings auch einige Regisseure, die sein Vorgänger Bernd Wilms unter Vertrag hatte, weiter beschäftigen. Die künstlerische Kontinuität war Teil seines Neubeginns. Hingegen setzten Armin Petras und seine Nachfolgerin Shermin Langhoff, als sie 2006 und 2013 das Maxim-Gorki-Theater übernahmen, ebenso radikal wie jetzt Oliver Reese auf einen Neustart. Claus Peymann hat diese Vorgehensweise kritisiert, aber selbst die Voraussetzungen für den Kahlschlag geschaffen. Sein Theater war nicht Mitglied im Bühnenverein und damit gelten tariflich verbriefte Rechte wie der nach 15 Spielzeiten erreichte Unkündbarkeitsstatus von Ensemblemitgliedern nicht.

An der Volksbühne liegt der Fall anders, aber auch hier trifft den scheidenden Intendanten eine Mitschuld daran, dass sein Ensemble ihn nicht überleben wird. Dass hier vergleichsweise wenige künstlerische Mitarbeiter nicht verlängert werden, liegt daran, dass Castorf viele Ensemble-Planstellen ohnehin nicht besetzt hatte, um das so eingesparte Geld für Gastverträge flüssig zu haben – nur so vermochte er paradoxerweise seine Schauspieler zu halten: Martin Wuttke zum Beispiel lässt sich nicht ohne Weiteres vertraglich binden, er möchte schon auch aushäusig auftreten, einen lukrativen Burg-Theater-Vertrag unterschreiben oder den Leipziger „Tatort“-Kommissar darstellen dürfen.

Castorfs Nachfolger, der Museumsmann Chris Dercon, möchte diesen, von seiner Programmchefin Marietta Piekenbrock als „idealistisch“ bezeichneten Ensemblebegriff weiter verfolgen. Idealistisch meint hierbei mit ironischem Beiklang die Tatsache, dass Castorf einen künstlerischen Zusammenhalt geschaffen hat, der keine Verträge braucht.

Die Kehrseite von solcher Herrlichkeit ist, dass die einmal abgeschafften Strukturen nicht wieder eingesetzt werden. Es ist davon auszugehen, dass auch Dercon lediglich acht oder neun Bühnenkünstler binden wird, womit eben auch Tänzer, Performer oder sonstige Spartenübergreifkünstler gemeint sind. Von einem Schauspielensemble kann ab dem Sommer an der Volksbühne also trotz aller Beteuerungen nicht mehr die Rede sein. Die strukturelle Abschaffung hat sich bereits vollzogen. Castorfs idealistisches Ensemble wird dieser in Zukunft wohl für seine Inszenierungen zum Beispiel am BE zusammentrommeln.

Das sind Beobachtungen in einer Theatermetropole mit gehobenem Profilierungs- und Konkurrenzdruck, zwei Sonderfälle auch wegen der langjährigen und egomanischen Intendanten. Sie taugen nicht als sittliches Vorbild für die Theaterlandschaft Deutschlands. Aber sie tragen doch zu dem in Eitelkeit gebadeten Intendantenimage bei, das ohne absolutistischen Machtanspruch und unüberwindbare Hierarchien nicht auszukommen meint und damit im eklatanten Widerspruch steht zu der an Theatern geleisteten Gesellschaftskritik.

Thomas Schmidt, von 2003 bis 2011 geschäftsführender Direktor und dann bis 2013 Intendant im Deutschen Nationaltheater Weimar beschreibt in seinem Buch „Theater, Krise und Reform“ (soeben bei Springer VS erschienen) das in vieler Hinsicht abkippende Theatersystem und schlägt Reformen vor, die eine neue Balance ermöglichen. Dazu gehören längere Vertragslaufzeiten, so dass Schauspieler über Intendantenwechsel hinweg angestellt bleiben und sich eine oder zwei Spielzeiten unter dem Neuen beweisen können, bevor man überlegt, ob man miteinander arbeiten möchte. Der Intendant kann seinerseits auf die Expertise und den Erfahrungsschatz des in der Stadt verankerten Ensembles zurückgreifen.

Das ist aber noch nicht das Ende des Denkbaren. Das Intendantenamt und die organisatorische Trennung nach Sparten könnten abgeschafft werden. Die Leitungsaufgaben werden in einem fünfköpfigen direktorialen System auf die Bereiche Management, Produktion, Programm, Technik sortiert und im Team von Spezialisten abgearbeitet. Der Fünfte im Bunde wäre der vom Ensemble vorgeschlagene künstlerische Leiter. Das Ensemble besteht aus Bühnenkünstlern aller Sparten, die gerecht honoriert werden.

Ein allein verantwortlicher Intendant, von dem erwartet wird, dass er seine Allmacht und Gestaltungskraft mit Ensemblekündigungen untermauern muss, wäre damit Geschichte. Die einzelnen Direktoren könnten ausgewechselt werden, ohne dass das Direktorat aufgelöst werden müsste. Das Ensemble bliebe erhalten, um sich schrittweise weiterzuentwickeln. Natürlich würde es auch weiterhin Fluktuation, Nichtverlängerungen und Neumitglieder geben – und im Einzelnen auch damit verbundene Konflikte. Die aber sind in demokratischen Prozessen im Team zu bewältigen. So könnte das gesellschaftskritische Instrument Theater auch zu einem Modell für die Gesellschaft werden. Man müsste mal darüber nachdenken.

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