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„Alles was Sie wollen“ im Fritz Rémond Theater: Sie und ihre Muse

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Von: Judith von Sternburg

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Herbert Herrmann und Nora von Collande. Foto: Franziska Strauss
Herbert Herrmann und Nora von Collande. © Franziska Strauss

Das Frankfurter Rémond-Theater zeigt die hübsch gebaute Komödie „Alles was Sie wollen“.

Wer beruflich mit Schreibblockaden zu tun hat, sympathisiert sofort mit der Umgebung. Lucie hat offenbar einige bereits zerknüllte Seiten wieder aus dem Papierkorb gezogen und versucht sie zu sortieren. In der Tat: Wenn einem gar nichts mehr einfällt, kommt einem der vorletzte schwache Einfall nicht mehr ganz so schwach vor. Ein Einfall ist ein Einfall.

Lucie schreibt fürs Theater, Thomas macht was mit Steuern. Er kennt zunächst auch ihre Stücke nicht, aber er interessiert sich, informiert sich und erweist sich bald als Muse. Eine ungewöhnliche und schöne Ausgangslage, die Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière (genau: manchmal ist es alleine ein Mist und zu zweit wenigstens etwas besser) mit Leben und Theater füllen. Dass das Theater dabei interessanter als das Leben ist, wird das Publikum nicht beklagen. Die beiden Franzosen servieren nämlich einerseits eine herkömmliche Die-gestresste-Kratzbürste-und-der-charmante-Nervtöter-Konstellation. Andererseits treiben sie bald ein lustiges und recht cleveres Spiel mit Lucies nun endlich (es pressiert!) entstehendem neuen Theaterstück. Die Szenen aus dem Stück erkennt man, weil es auf der Bühne dunkler wird und Herbert Herrmann außerdem dunkler spricht. Trotzdem soll man ruhig wuschig werden und sich erst nach und nach zurechtfinden. Während Thomas sich nicht nur als Muse erweist, sondern auch als blendender Koch.

Wer wünscht sich das nicht?

Lucie schleckt den Teller ab. Sie macht überhaupt viele der ungezogenen und ausbeuterischen Sachen, die auf dem Boulevard und im Leben sonst eher Männern vorbehalten sind. Aber: Ein friedlicher Mann, der einem in allererster Linie den Rücken freihält, wer will das nicht? Dass Lucie von ihm erst lernen muss, dass künstlerische Kreativität und glatte Lüge ungefähr das Gleiche sind: nicht zu glauben, aber besser spät als nie.

„Alles was Sie wollen“ hatte 2019 in der Komödie am Kurfürstendamm (im Berliner Schiller Theater) Premiere. Der inzwischen immerhin 80 Jahre alten, aber mit sympathischer Routine weiterhin fidele Herbert Herrmann inszeniert selbst und spielt an der Seite von Nora von Collande. Er der ewige unreife Spaßmacher vor dem Herrn, sie souverän und smart auch in den hysterischen Momenten ihrer Rolle. Dass die beiden privat ein Paar sind, mag vieles so besonders nett ins Laufen bringen. Dass die Bühne von Stephan Fernau das plausible Arbeitszimmer eines schreibenden Menschen ist, sorgt für noch bessere Stimmung. Ein Abend, der unterhält, aber nicht zum Schießen ist.

Apropos, auch Collande und Herrmann spenden die erste Gage an die Ukraine, als wäre es einfach selbstverständlich.

Fritz Rémond Theater im Zoo, Frankfurt: bis 3. April. fritzremond.de

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