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Nicht nett: Pöppel und Strong lachen sich über Mayer kaputt.

Schauspiel Frankfurt

Alles kann, nichts muss

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In „Der alte Affe Angst“ bringt Ersan Mondtag das Unverbindliche und Unpräzise am Schauspiel Frankfurt auf die Bühne.

Ersan Mondtag, Jahrgang 1987 und am Schauspiel Frankfurt durch das junge Regie-Studio gefördert (2013/14), ist gut im Geschäft: Eine Entwicklung, die jetzt einen vorläufigen Höhepunkt in der Einladung zum Berliner Theatertreffen (mit seiner Kasseler „Tyrannis“-Inszenierung) gefunden hat. Seine jüngste Arbeit für Frankfurt, jetzt nicht mehr als Nachwuchstalent, sondern in einer regulären Inszenierung für die Kammerspiele, lässt aber auch zweifeln.

Mondtag gilt ja und arbeitet entschlossen als Grenzgänger zwischen Kunst und Theater, setzt auf bildmächtige Installationen mit Musik, bezieht den Tanz mit ein. Auch in „Der alte Affe Angst“ macht er ziemlich was los. Kombiniert werden dabei letztlich ganz wenige Elemente aus Oskar Roehlers gleichnamigen Film von 2003 über eine quälend intensiv scheiternde Beziehung mit einigen Sätzen aus Euripides’ „Alkestis“ – über eine Ehefrau, die treu bis in den Tod und darüber hinaus ist. Nicht dass es darauf zu sehr ankäme. Denn der Text wird zu weiten Teilen regelrecht vermahlen in einer klanglichen Garnitur für Mondtags Bilder und die arg opulente „klassische“ Musik der mexikanischen Komponistin Diana Syrse. Auch wer sich auf erregte Streicher und dringliche Chöre als Filmmusik noch einlassen mag, wird die Nähe zum bloßen Pathos nicht ganz überhören können.

„The End“ hat Stefan Britze auf den Vorhang gedruckt, vor dem auf einer Bank Linda Pöppel, Max Mayer und die Tänzerin Kate Strong der Musik zuhören. Dann schreit Linda Pöppel ganz schlimm, aber auch humoristisch – sie kann nicht anders, das ist wunderbar an ihr – und kommt auf den Hund zu sprechen, den sie behalten möchte, er aber, Max Mayer, unter keinen Umständen. „Soll ich mich opfern für den Hund“, fragt er und alle drei – Strong vorerst stoisch unbeteiligt – sind unheimlich komisch, und das ist doch etwas: unheimlich komisch zu sein. Später bekommen die Frauen einen Lachkrampf. Max Mayer kann nicht mitlachen. Das sind zusammen mit Strongs Miniatur-Antikentanz die nicht tief in einen Sinnzusammenhang eingebetteten Höhepunkte des Abends.

Bilder geben Rätsel auf

Klinisch weiß leuchtet Raphaela Roses legere Kleidung für Marie, Robert und den Vater, die auch Alkestis, Admetos und Thanatos sein sollen. Strong/Vater/Thanatos hat einen Klumpen rohes Fleisch auf dem Schoß, der nachher Spuren auf ihrem Gewand hinterlässt, also echt ist (Kunstinstallation) oder hervorragend präpariert (Theaterrequisite). Der Vater hat Krebs. Als sich der Vorhang öffnet und in höchst mysteriösem Licht eine spiegelnde Tempelruine sichtbar wird, übernimmt auch ein Chorist kurz diesen Part.

Der Chor sind Damen und Herren in Ganzkörperanzügen, die im Laufe recht langer 85 Minuten mehrfach Farbe oder Musterung wechseln. Dazu tragen sie kupferfarbene Pilzkopfperücken. Eine kuriose Schar, außerirdisch, futuristisch, unterweltlich, ganz wie man will. Sie sind Zuschauer und bisweilen Akteure in einer Abfolge von Bildern, Tableaux und Szenen, die das Themenfeld Tod, Sex und Liebe umkreisen, ergänzt durch die Bereiche Verantwortung (der Hund, der kranke Vater) und Lebensplanung (soll er sich nun opfern oder nicht).

Es geht also um vieles, es ist im Einzelnen auch gut zu verstehen, wiewohl die Bilder – melancholische Pilzköpfchen in Ruinen, nachher vor skizziertem Meeresprospekt, was Pathos oder Kitsch oder beides ist – auch Rätsel aufgeben. Rätsel, die nicht direkt zu lösen sein dürften. Alles kann etwas bedeuten oder absichtsvoll nichts bedeuten.

Man könnte natürlich sagen: Das ist volles Risiko. Trotzdem zeigt sich dahinter auch eine Branche, die sich in verlegener Suche nach neuen Möglichkeiten und Angeboten anscheinend im Zweifelsfall auch mit einem erstaunlich harmlosen Oberflächenreiz zufrieden gibt. Auch dass immer die Möglichkeit eines Missverständnisses besteht, auch die Möglichkeit, sich beim Zuschauen als zu ironiefrei erwiesen zu haben, ist doch eher Teil des Theater- als Teil des Zuschauerinproblems. Die Forderung nach einer Spur von Verbindlichkeit und Präzision ist nicht die Forderung nach Einfachheit, im Gegenteil erweist sich auch in „Der alte Affe Angst“ gerade das Unverbindliche und Unpräzise als einfach bequem. Auch in der Kunst führt das übrigens nicht weit, wenngleich Grenzgängertum die Vertreter der Einzelsparten häufig etwas einschüchtert.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 4., 5., 21., 22. Mai.

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