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Zeremonienmeisterin des Staubwedels: Friederike Ott, im Hintergrund Uwe Zerwer.

"Aus Staub", Kammerspiele Frankfurt

Was alles in eine Frankfurter Wohnung passt

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Jan Neumanns bodenständiges und viel Leben fassendes Stück "Aus Staub", uraufgeführt in den Kammerspielen Frankfurt.

Es schien zuletzt unter zeitgenössischen Dramatikern die in ungewisser Zukunft wie auch an unbekanntem Ort spielende Dystopie sehr in Mode gekommen. Der Mensch war darin eine Art psychologisches Versuchskaninchen. Wusste nicht, wie ihm geschah und wer ihn, möglicherweise, lenkte. Wusste auch nicht, ob nicht außerhalb des geschlossenen Raumes, in dem er untergebracht ist, längst der Weltuntergang begonnen hat.

So ist es gewissermaßen originell, eine Uraufführung zu sehen, die ihren Schauplatz in ziemlicher räumlicher Nähe zu den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels hat: im Westend in der Schubertstraße 45, unmittelbar am Beethovenplatz. In eine Wohnung dort, im 2. OG links eines Gründerzeitbaues, platziert Jan Neumann seine fiktiven Figuren, die einem zwar zugespitzt, aber weit hergeholt wiederum nicht erscheinen.

Jan Neumann, 1975 in München geboren, gelernter Schauspieler, inzwischen häufiger als Autor und Regisseur tätig, bevorzugt es seit langem, die Uraufführung seiner Stücke selbst auf die Bühne zu bringen. So nun auch bei „Aus Staub“, einer Auftragsarbeit des Frankfurter Schauspiels. Nicht nur eine real existierende hiesige Straße spielt mit, dies zwischen den Jahren 1949 und 2018, der Prolog erzählt auch von der „Frankfurter Trümmerverwertungsgesellschaft“, die es tatsächlich gab und die als „Frankfurter Verfahren“ bekannt wurde: Die Verwaltung hatte ausgerechnet, dass genug neues Baumaterial, zum Wiederaufbau aller im Bombenkrieg zerstörten Gebäude, nicht herzustellen wäre. Man beschlagnahmte also Schutt, schaffte ihn mit einer Schmalspurbahn, dem „Adolf-Hitler-Gedächtnis-Express“ (Volksmund), zur Wiederaufbereitung. Und baute neu aus Altem. Was es manchmal fast unmöglich machte, ein Regal oder eine Vorhangstange an der porösen Wand zu befestigen.

Sichtlich ist hier, in der Schubertstraße 45, 2. OG links, einiges passiert über die Jahrzehnte: Ein Sammelsurium aus Türen hat Dorothee Curio rings um die kleine Bühne der Kammerspiele gebaut. Eine Tür führt zum „Abort- u. Waschraum“, eine andere ist zugemauert. Man kann die Um- und Umbauten ahnen. Und das Leben dazwischen.

Eine ganz schöne Menge Leben, dargestellt von sechs Schauspielern mit oft nur kleinen optischen Verwandlungen wie unterschiedlichen Perücken (Kostüme: Nini von Selzam). Jan Neumann macht es den sechs nicht schwer, indem er auf die Wiedererkennbarkeit von Typen setzt. Er setzt auch durchaus auf den schnellen Lacher, den diese Wiedererkennbarkeit auslöst. Dazu auf die (manchmal böse) Pointe. Aber er vermeidet in der Regel dann doch den allzu groben Spott und die bloße Abziehfigur.

Da ist der kleine italienische Gastarbeiter Maurizio – Altine Emini wie ein Michelin-Männchen im dick gepolsterten Blaumann -, der erfolgreich und mit der Liebe seines Lebens (er hat schließlich Deutsch gelernt mit Hedwig Courths-Mahler) eine Eisdiele eröffnet. Dies, nachdem er in einer WG mit Marxisten, Anarchisten, Spontis gelernt hat, man dürfe sich nicht ausbeuten lassen.

Da ist der nervöse Unternehmensberater Andreas, Sebastian Kuschmann, der ausnahmsweise und ausgerechnet wieder einmal schlafen kann, als in New York die Zwillingstürme seiner Religion stürzen. Da ist das um die richtige (feministische) Einstellung ringende lesbische Paar, Altine Emini und Julia Staufer. Teenager Tom, Sebastian Reiß, muss indessen immer aufs Klo schleichen, wenn er in Ruhe masturbieren möchte – er teilt sich das Zimmer mit der kleinen Schwester. Da ist Wolfgang, Uwe Zerwer, der elfjährige Junge, der im Verlauf des Stücks zum Lehrer, dann zum Pensionär mit beginnender Demenz wird. Da ist seine Mutter, Friederike Ott, die ihrem Jungen erzählt, der Vater sei Cowboy in den USA und reite auf einem schwarzen Pferd. Und die erst kurz vor ihrem Tod zugibt: Er war bei der Waffen-SS. Und zugibt, wie stolz sie auf ihn ist, immer noch, und wie sie einmal Hitler zugewinkt – und beglückt die Abgase seines Wagens aufgesogen hat.

An Themen also lässt der Autor Neumann wenig aus. Eigentlich fast nichts. Angesprochen werden Studentenrevolte und Feminismus. Abtreibung und Masturbation. Kalter Krieg, Eiserner Vorhang und Wiedervereinigung. Kriegszerstörung und 9/11. Gastarbeiter und in den deutschen Osten beförderte Wessis. Raubtierkapitalismus und Islamismus. Wohnungsknappheit und sogar irgendwie auch Luftverschmutzung. Trotzdem wirkt das Stück nicht überfüllt und nicht unplausibel, dass sich über die Jahrzehnte – die eine zog aus, der andere zog ein – manches an Ansichten und Ereignissen zutrug in der Schubertstraße 45.

Manchmal kommt ein melancholischer Grundton durch – Staub legt sich auf Staub und zuletzt wird das alte Haus abgeris-sen -, aber Jan Neumann lässt zwei pausenlose Stunden mit leichter Hand und dem rechten Maß an Witz und Ironie vergehen.

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