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Die Kinder spielen alles mit größter Genauigkeit.

Marc-Dutroux-Stück von Milo Rau

Alles echt erfunden

„Five Easy Pieces“, das neue Stück von Milo Rau, hatte in den Sophiensaelen in Berlin jetzt seine Deutschland-Premiere: Theater mit Kindern über den Kindermörder Marc Dutroux. Muss das sein? Geht das? Bringt das was? Die Antworten darauf gibt der Abend selbst.

Von Dirk Pilz

Natürlich stellt sich die Frage, ob das sein muss. Sieben Kinder spielen von einem Kindermörder, von Pädophilie und Gewalt, in unverblümten, erbarmungslosen Szenen. Sicher, die Kunst darf alles, rein formal betrachtet. Aber warum soll sie es dürfen? Die Antwort darauf ist dieser Abend: „Five Easy Pieces“, erfunden und inszeniert durch den Regisseur Milo Rau, eine Zusammenarbeit mit dem Genter Art Center Campo, jetzt in den Berliner Sophiensaelen zur Deutschlandpremiere gekommen.

Denn die Antwort liefert die Kunst selbst: Sie darf alles, um von der Wirklichkeit zu erzählen. Ohne vor ihr in die Knie zu sinken, ohne Kompromisse mit einer vorschnellen Moral, mit abgepackten Botschaften, fertigen Gedanken und Gefühlen zu liefern.

Wenn es gut geht, zeigt sie damit kipplige Wirklichkeiten, die sonst verdeckt bleiben, poröse Wahrheiten, die sich auf keinen Begriff bringen lassen.

Es geht in dieser Inszenierung erschreckend gut. Die sieben Kinder spielen die Geschichte des belgischen Kindermörders Marc Dutroux. Bis Mitte der neunziger Jahre hatte er mehrere minderjährige Mädchen entführt und missbraucht; es kam zu haarsträubenden Ermittlungsfehlern, im August 1996 wurde er gefasst. Dutroux ist (nicht nur in Belgien) das Synonym für das Böse und Behördenversagen gleichermaßen.

Darauf lässt sich Rau jedoch nicht ein – weder stellt er die Pannen der Polizei nach, noch bedient er die Vorstellungen von einem angeblich unbeschreiblichen Bösen. Es ist beschreibbar, man kann es zeigen: Das ist die Provokation dieses Abends. Das ist auch die Hoffnung, von der er lebt. Denn nur wenn man Verbrechen wie die von Dutroux nicht zum Unbegreiflichen verklärt, kann man hoffen, sie verhindern zu können.

Der Abend bedient sich dabei eines einfachen, aber wirkungsvollen Tricks: Er erfindet einen Regisseur (Peter Seynaeve), der mit Kindern Filmszenen aufnimmt. Zu Beginn werden sie gecastet. Rechts hinten am Tisch sitzt der Regisseur, die Leinwand in der Mitte zeigt jeden seiner Gesichtszüge. „Was bedeutet Theater für dich?“, fragt er. Antwort: „Das ist wie Puppenspiel, nur mit echten Menschen statt mit Marionetten.“ Einer tanzt zu Musik von Erik Satie, eine singt etwas von John Lennon. Auf die Frage, wer selbst schon einmal getötet habe, reagieren sie begeistert. Alle haben getötet: Goldfische, einen Vogel, einer verbrennt gern Insekten.

Hier beginnt das Spiel mit dem Spiel. Die Faszination für Dutroux wird nie verschwiegen, das Entsetzen auch nicht. Aber beides wird nicht geradewegs ausgestellt, sondern medial gebrochen – die Distanz schafft Erkenntnis- und Gefühlsschärfe.

Einblicke in die Dutroux-Welt

In fünf Szenen werden Bilder, Einblicke in die Dutroux-Welt gezeigt. Unten stehen die Filmsets, auf der Leinwand die Kinderschauspielergesichter. Der Vater von Marc Dutroux erzählt von den frühen Jahren im Kongo, ein Mädchen verliest einen Brief an ihre Eltern aus dem Kellergefängnis, die Eltern sitzen auf dem Sofa und berichten von den Nöten der Ungewissheit.

Die sieben Kinder spielen alles das mit größter Genauigkeit, Präsenz, ohne jeden falschen Ton. Und das Gesamtsetting macht das Spielen selbst immer zum Thema, befragt die Sehnsucht nach Authentizität, die Mechanismen der Einfühlung. Selten ist Theater derart vielschichtig, ohne belehrend zu werden.

Milo Rau, bekannt geworden mit Recherchetheater-Abenden wie „Hate Radio“ oder „Die Moskauer Prozesse“, gelingt hier ein reifer Abend dokumentarischen Theaters. Er zeigt die Wirklichkeit wie sie ist – schroff, himmelhoch abgründig, aber nicht unbegreiflich. Das braucht es.

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